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Haiti: Im Krankenhaus der Hoffnung

VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 25.01.2010 - 02:30

Unter unvorstellbaren Bedingungen kämpfen auch Ärzte aus Nordrhein-Westfalen im Hospital "Espoir" in Port-au-Prince gegen die Zeit. Sie operieren die Erdbeben-Opfer mit Akku-Bohrern aus dem Baumarkt, bei Temperaturen über 30 Grad. Aber sie retten Leben – jeden Tag aufs Neue. Ein Tag in der Klinik der haitianischen Hauptstadt.

7.30 Uhr Fertigmachen zum Aufbruch ins Krankenhaus. Was die acht Ärzte der deutschen Hilfsorganisation Humedica jetzt nicht einpacken, auf das können sie in den nächsten Stunden nicht mehr zurückgreifen, denn Fahrzeuge sind Mangelware, und der Weg zu Fuß ist zu gefährlich.

8.00 Uhr Abfahrt von der christlichen Schule, die den internationalen Helfern als Stützpunkt dient, zum Hospital "Espoir" (französisch für "Hoffnung") im Ortsteil Delmas, nur etwa drei Kilometer entfernt. Der dominikanische Fahrer der Hilfsorganisation World Vision (die Organisationen helfen sich untereinander) quält sich über Buckelpisten, vorbei an Zeltlagern für Erdbebenopfer und die Straßen säumenden Menschenmassen.

8.14 Uhr Mehrmals ist ein lauter Knall zu hören. Schüsse? Oder nur eine Fehlzündung bei einem der unzähligen, sich vorwärts quälenden Autos, die aus europäischer Sicht schrottreif sind? Wir fahren einfach weiter, eine Flucht wäre ohnehin nur in Schrittgeschwindigkeit möglich. "Verlassen Sie die Klinik zu Fuß bloß nicht", rät einer der Begleiter: "Das könnte gefährlich werden." Die Stimmung derer, die noch keine Hilfe bekommen haben, wird zunehmend aggressiver.

8.27 Uhr Ankunft am Hospital, das unerwartet aufgeräumt wirkt. Auf dem Hof liegen ordentlich aufgereiht unter Zeltdächern die Patienten. Gegenüber dem Tor haben vier haitianische Polizisten mit Gewehren Stellung bezogen. "Das ist schon beruhigend", sagt der Medizinstudent Simon Oeckenpöhler aus Moers, der sich wie alle anderen freiwillig zu diesem Einsatz gemeldet hat. Er hat das Hospital mit wiedereröffnet: "Das einheimische Personal hat weitergemacht, bis alles Material aufgebraucht war. Dann ist es geflohen."

8.29 Uhr Norman Hecker, Anästhesist aus Ratingen, bereitet die erste Operation vor, wühlt in Regalen und Kisten. Auf dem Boden liegt ein Akku-Bohrer aus dem Baumarkt. Auch damit wird gleich operiert. An der Decke im Gang klebt ein in der Mitte offenes Pflaster mit einer Glaslinse. Dieses einfache Einsturz-Warnsystem haben Experten des Technischen Hilfswerks installiert. Fällt das Glas zu Boden, hat sich der Riss so vergrößert, dass das Gebäude schnell evakuiert werden muss.

8.31 Uhr Der erste Patient wird auf den OP-Tisch gehoben. Der etwa 30-jährige Pierre Jean V. hat einen Oberschenkelbruch erlitten. Es wird langsam unangenehm warm in dem kleinen Raum, geschätzt sind es nach kurzer Zeit bereits 30 Grad. Der Mundschutz erschwert das Atmen zusätzlich.

8.45 Uhr Die erste Operation des Tages beginnt. Norman Hecker setzt eine Rückenmark-Narkose. Das OP-Team ist siebenköpfig, dazugestoßen sind zwei Amerikaner. Deshalb wird Englisch gesprochen.

9.15 Uhr Der Bohrer surrt. Die Mönchengladbacher Chirurgin Britta Merten zieht am Fuß, damit die gebrochenen Knochen sich nicht wieder verschieben.

9.44 Uhr "Fertig", ruft der Hamburger Chirurg Christian Queitsch. "Der Bruch steht jetzt so, dass er gut verheilen kann." Queitsch ist sicher, dass dieser Patient überlebt.

10.12 Uhr Mit einer Trage wird Pierre Jean V. aus dem Raum transportiert. Selbst das ist ein Kraftakt, weil es keine ausreichend breiten Türen gibt. Schwester Nancy Schmidt – die Amerikanerin ist mit einem Deutschen verheiratet – hat inzwischen einen provisorischen Ruheraum hergerichtet und wird vom OP-Team mit Beifall bedacht.

10.30 Uhr Ein Wasserfall spritzt von der Decke im Gang. "Beim Nachbeben ist der letzte Tank auf dem Dach geplatzt", stellt Oeckenpöhler fest, während das Wasser bereits in den OP-Raum läuft. Queitsch schüttelt zornig den Kopf und sagt: "Die ganze Stadt hat kein Wasser, und hier läuft es sinnlos aus der Decke." Haitianische Helfer versuchen, das kostbare Nass in Eimern und Schüsseln aufzufangen.

10.40 Uhr Die nächste Verletzte, Natalie S., wird hereingetragen. Sie mag 16 Jahre alt sein, hat furchtbare Schmerzen und schreit. Hecker legt tröstend den Arm um sie, während die Narkose langsam wirkt.

11.15 Uhr Ulrich Seemann aus Gifhorn in Niedersachsen hat ein paar Minuten Pause und erklärt sein freiwilliges Engagement: "Meine Enkelin stammt von hier. Unsere Tochter hat sie als Baby adoptiert, als sie als ausgehungertes Neugeborenes vor die Missionsstation gelegt worden war, wo unsere Tochter als Kinderkrankenschwester arbeitete." Inzwischen sei Jemina-Sophie 14 Jahre alt und leide als Dunkelhäutige unter der Ausländerfeindlichkeit ihrer Umgebung. "Ihr Traum ist es, wieder nach Haiti zurückzukehren."

11.22 Uhr Im Nebenraum hat Irmgard Harms aus Hindelang im Allgäu das OP-Programm für die nächsten Tage fertiggestellt. Die Namen von 20 Patienten stehen darauf. "Wenn wir wieder freie Kapazitäten haben, lassen wir das über das Lokalradio durchgeben."

11.25 Uhr Mit einem Fixateur, einem Metallgestell mit Schrauben, ist der Oberschenkelbruch von Natalie S. gerichtet. Vier Operationen folgen. Bernd Domres aus Tübingen listet die Erfolgsliste der letzten Tage auf: "123 Menschen wären ohne unsere Hilfe verstorben. Leider hatten wir auch vier Todesfälle."

17.30 Uhr Die Arbeit des Humedica-Teams muss zügig beendet werden: Ein Kleinbus wartet, es wird dunkel. Um 18 Uhr beginnt die von den UN verhängte Sperrstunde.

Internet Alle Berichte unseres Autors unter www.rp-online.de/panorama

Quelle: Rheinische Post

 
 
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