Großbritanniens neue First Lady
VON ALEXEI MAKARTSEV - zuletzt aktualisiert: 15.05.2010 - 02:30Die 39-jährige Samantha Cameron muss jetzt gleichzeitig fünf Rollen spielen: Unternehmerin, Mutter, Ehefrau, Mode-Ikone – und erste Frau im Staat. Die britischen Konservativen sehen in ihr eine politische Geheimwaffe mit Herz und Stil, mit der sich die Gunst der Bürger gewinnen lässt.
In stressreichen Situationen folgt Samantha Cameron, Rufname "Sam Cam", immer ihrem Motto: "Tief durchatmen und nicht meinen Mann anschreien." Eine kluge Strategie, zumal ihr Mann jetzt die Regierung Ihrer Majestät leitet. Die groß gewachsene, blauäugige Brünette mit schulterlangem Haar weiß, dass vor der "Nummer 10" Fernsehreporter lauern. Ein Familiendrama bei den Camerons als Top-Thema in den Nachrichten wäre gewiss nicht im Interesse der liberal-konservativen Koalition in London, die um den Respekt der Wähler kämpft.
"Ich bin keine typische Politikerfrau, die alles mitmacht. Dazu habe ich als berufstätige Mutter keine Zeit", sagte Samantha Cameron früher. Und: "Ich wäre stolz, wenn mein Mann Premier werden würde. Zugleich wäre das eine erschreckende Perspektive, weil wir Opfer bringen müssten." Legendär ist ein Dialog zwischen Sam Cam und einer Nachbarin, nachdem sie in ihr neues Haus in Notting Hill gezogen war: "Wenn Sie nächstes Mal umziehen, dann in die Downing Street", meinte die Nachbarin. "Das hoffe ich nun wirklich nicht", lautete die aufgeregte Antwort.
Doch vier Jahre später wurde diese Vorhersage wahr: Samantha Camerons normales Leben endete am Dienstag – die ganze Welt schaute zu, als die Frau mit dem runden Baby-Bauch und einem Delfin-Tattoo am Fuß mit ihrem "Dave" in den Buckingham-Palast fuhr und dann im Blitzlichtgewitter die "Nummer 10" betrat. Wenn Samantha Cameron besorgt war, ließ sie es sich nicht anmerken. Am nächsten Tag brachte sie Nancy (6) und Elwen (4) in die Schule, und sie schaute noch in ihrem Laden vorbei, ehe sie den Umzug in die Downing Street leitete. Die Camerons richten sich in der Wohnung ein, die Gordon Browns Familie als Zuhause gedient hat.
Als jüngste "First Lady" seit 56 Jahren wird Sam Cam im September für Aufsehen sorgen, wenn sie ihr Neugeborenes dorthin bringt: Es wird erst das dritte Mal seit 1849 sein, dass ein britischer Regierungschef im Amt Nachwuchs bekommt. Samantha Cameron will nach der Babypause wieder arbeiten. Doch das ist ungewiss: Auf die Geheimwaffe der Tories wartet eine wichtige politische Mission. Weil sie so sympathisch wirkt, soll die elegante Frau die Briten für die Partei erwärmen, die als antisozial und elitär gilt. "In unserer Geschichte war keine Premierministerfrau für eine neue Regierung so wichtig wie sie", schrieb der Guardian.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass diese Aufgabe ausgerechnet einer Tochter eines Baronets zufällt, die auf einem Landgut aufgewachsen ist. Über ihren Vater Sir Reginald Adrian Berkeley Sheffield stammt Samantha von der Schauspielerin Nell Gwyn ab, die die Geliebte des Königs Charles II. (1630 – 1685) war. Mütterlicherseits ist sie mit den Astors verwandt.
Trotz dieses privilegierten Hintergrunds hat die neue "First Lady" nie Allüren gezeigt. Samantha Sheffield besuchte eine Privatschule, dann studierte sie Kunst in Bristol. Sie hatte dort einen wilden Ruf, weil sie sich wie ein Punk kleidete und Rave-Partys besuchte.
1992 lernte sie den Bruder ihrer Freundin Clare kennen, der im Finanzministerium arbeitete: David Cameron. Samantha Sheffield fand ihn "lustig und clever". Trotzdem ließ sie ihn zappeln: Sie schämte sich, mit einem Tory auszugehen. Sie heirateten 1996. Sam Cam war 25 und Kreativchefin bei Smythson – einem angestaubten Luxus-Büroausstatter, den sie in den folgenden Jahren mit Elan und Ideenreichtum in einen Kultladen verwandelte.
Ihre Karriere bekam 2005 einen Schub, als sich die schwangere Sam Cam auf dem Parteitag der Tories in Blackpool von David Cameron mit den Worten "I love you, babe!" küssen ließ. Die Briten waren entzückt. Die Geschäftsfrau und der Politiker wurden ein gutes Team: Er machte seine Partei fit für das Regieren. Sie ließ sich für Modezeitschriften fotografieren. Cool und natürlich wirkte Samantha Cameron, die mühelos Straßenmode und Designermarken zum frischen Outfit verband. "Sie ist die vorbildliche Tory-Frau: jung, hübsch und eine tolle Stütze für ihren Mann", lobten die Blätter ihre "First Lady of Style". Was damals niemand wusste: Sam Cam war nicht nur ein attraktives Anhängsel, sie lieferte ihrem "Dave" auch politische Ideen und sie korrigierte seine Reden.
Der Rückschlag kam 2009, als ihr ältestes Kind starb. Ivan hatte an zerebraler Kinderlähmung gelitten. Nach dem Begräbnis litt sie monatelang. Dann stürzte sich Sam Cam in die Arbeit. Die "Schicksalswahl" nahte, und ihr Mann, den sie als "fantastischen Vater und chaotischen Koch" beschrieb, hatte gute Chancen. Obwohl nicht interessiert an Politik, gab sie ihm Rückendeckung. Als "Geheimwaffe" ihrer Partei besuchte sie – immer schick gekleidet – Schulen und Suppenküchen und warb für die Tories im Internet. Im inoffiziellen "Style"-Wettbewerb schlug Samantha alle anderen Ehefrauen der Top-Kandidaten. Am Ende kürten sie 1334 Britinnen in einer Umfrage zur schicksten Politikerfrau der Welt. Daraufhin titelte eine Zeitung: "Aus dem Weg, Carla Bruni!"
Samantha wird bald die globale Runde der First Ladys modisch aufmischen. Anders als ihre Vorgängerinnen Sarah Brown und Cherie Blair will sie jedoch Distanz zur Politik behalten. David Cameron mag draußen den Regierungschef spielen, sagen Insider, zu Hause bleibe Sam Cam der Boss.
Internet Mehr Bilder von den Camerons unter www.rp-online.de/politik
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