Greift Israel im Frühjahr Iran an?
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 04.02.2012 - 02:30Die Spannungen aufgrund des iranischen Atomprogramms nehmen weiter zu. Jetzt zirkuliert erstmals eine Frist für einen möglichen israelischen Präventivschlag gegen Irans Nuklearanlagen: Der Angriff soll angeblich vor Ende Juni erfolgen. Danach, so heißt es in Israel, könnte es zu spät sein.
Tel Aviv/Düsseldorf Am 7. Juni 1981 um 15.55 Uhr starten acht F-16-Jagdbomber und fünf F-15-Abfangjäger vom israelischen Luftwaffenstützpunkt Etzion auf dem Sinai. Die Maschinen fliegen so eng, dass sie auf den Radarschirmen wirken wie ein großes Zivilflugzeug. Gegen 17.30 Uhr erreichen sie ihr 1100 Kilometer entferntes Ziel: den irakischen Atomreaktor Osirak. In zwei Angriffswellen zerstören sie den fast fertiggestellten Meiler und kehren auf ihre Basis zurück.
In einer ähnlichen (freilich bis heute unbestätigten) Aktion soll Israel 2007 eine syrische Atomanlage zerstört haben. Nun mehren sich die Indizien, dass ein solcher Angriff erneut bevorstehen könnte. Der "Washington Post" zufolge glaubt US-Verteidigungsminister Leon Panetta, dass Israel bald zuschlagen könnte – diesmal, um die Ausrüstung des Iran mit Atomwaffen zu verhindern. Panetta sehe eine "hohe Wahrscheinlichkeit", dass ein Angriff auf den Iran zwischen April und Juni erfolgen könnte. Damit wolle Israel verhindern, dass der Iran Atomwaffen fertigstelle oder für israelische Angriffe unerreichbare unterirdische Uranlager anlege. Auch der Sender CNN berichtete über derartige Pläne.
Der geistliche Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, reagierte darauf beim Freitagsgebet mit Drohungen gegen Israel und die USA. "Schon das Nachdenken über solche Angriffe wäre für sie von Nachteil. Das Einleiten dieser Angriffe wäre zehnmal so nachteilig für sie", orakelte Chamenei, der mächtigste Mann im Mullah-Regime.
Klar ist: Ein militärischer Spaziergang wie der Angriff auf Osirak vor drei Jahrzehnten würde eine Attacke auf die iranischen Atomanlagen nicht. Die über das ganze Land verteilten Einrichtungen sind mit modernen Flugabwehrbatterien aus russischer Produktion gespickt und teils tief verbunkert. Außerdem ließe sich die iranische Luftwaffe wohl nicht so leicht überrumpeln wie seinerzeit die irakische Luftraumüberwachung. Ein möglicher israelischer Angriff wäre erheblich riskanter und mit ziemlicher Sicherheit verlustreich.
Trotzdem befeuerte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak Spekulationen über einen baldigen Angriff mit den Worten: "Wer ,später' sagt, könnte herausfinden, dass es schon zu spät ist." Vize-Ministerpräsident Mosche Jaalon bezeichnete einen atomar bewaffneten Iran als "Alptraum für die freie Welt". Der Iran müsse "so oder so gestoppt werden". "Jede Einrichtung im Iran kann zerstört werden, das sage ich aus meiner Erfahrung als ehemaliger Generalstabschef", verkündete Jaalon.
Dass man in israelischen Regierungskreisen so offen mit der militärischen Option liebäugelt, hat vor allem politische Gründe: Zum einen soll der Druck auf das Regime aufrechterhalten werden, das erst unlängst von Amerikanern und Europäern mit einem Öl-Embargo belegt wurde. Zum anderen fürchtet die Regierung von Benjamin Netanjahu offenbar, Israel könne schon bald nicht mehr in der Lage sein, die iranischen Anlagen aus eigener Kraft zu zerstören. Sollten die Nuklearfabriken erst einmal in 100 Meter tiefe Gebirgsstollen verlegt worden sein, wären nach Einschätzung der israelischen Militärs nur noch die Amerikaner mit ihren Spezialbomben in der Lage, sie zu zerstören. Netanjahu glaubt aber nicht daran, dass sich US-Präsident Barack Obama am Ende zu einem Angriffsbefehl durchringen könnte.
Hinter den Kulissen versuchen die Amerikaner schon seit Monaten, Israel von einem Militärschlag abzubringen. In israelischen Regierungskreisen setzt sich aber anscheinend immer mehr die Einschätzung durch, dass die Gelegenheit für einen Angriff strategisch günstig ist. Zwar warnen erfahrene Männer wie Meir Dagan, der frühere Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, weiter vor einem regionalen Krieg. Aber die Sorge vor einem massiven militärischen Gegenschlag des Iran und seiner Verbündeten schwindet. Syrien scheint aufgrund der inneren Unruhen derzeit kaum handlungsfähig, und auch die seit vielen Jahren von Teheran alimentierten und gesteuerten Bewegungen wie die libanesische Hisbollah und die Hamas im Gaza-Streifen gingen zuletzt vorsichtig auf Distanz zum Iran. Beide wollen derzeit keinen offenen Krieg mit Israel riskieren.
Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



