Ein Eid gegen Gier
VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 18.06.2011 - 02:30Damit sich die Finanzkrise nicht wiederholt, sollen die Absolventen der European Business School einen Eid auf die Prinzipien des Ehrbaren Kaufmanns ablegen. Das Leitbild hat eine lange Tradition.
Wiesbaden Ärzte schwören den Hippokratischen Eid und verpflichten sich damit, ihr Wissen stets zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Die Finanzkrise von 2009 hat gezeigt: Ein solcher Eid würde auch vielen Managern guttun. Ohne die Spekulationen und die Exzesse bei Bonuszahlungen wären wohl weder der amerikanische Immobilienmarkt noch die Bank Lehman Brothers zusammengebrochen, in deren Folge auch viele deutsche Banken (Hypo Real Estate, Commerzbank, WestLB) an den Tropf des Staates mussten. Nun fordert die European Business School in Wiesbaden ihre Absolventen auf, freiwillig einen Eid auf die Prinzipien des "Ehrbaren Kaufmanns" zu schwören. 35 der 200 Absolventen, die soeben verabschiedet wurden, haben den Eid abgelegt. Den genauen Wortlaut wollte die private Hochschule zwar nicht öffentlich machen. Doch sein Kern ist klar: Der ehrbare Kaufmann ist – anders als der rücksichtslose Spekulant – nicht nur auf einen maximalen Gewinn aus, sondern orientiert sein Handeln auch an ethischen Werten.
Dieses Leitbild hat eine lange Tradition. Bereits im Mittelalter tauschten italienische Kaufleute Handlungsempfehlungen für den Geschäftsalltag aus. Kaufleute in Hamburg gründeten 1517 die "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg", die es noch heute als Verein zur Pflege dieses Leitbilds gibt.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Dabei geht es nicht um eine karitative Veranstaltung. Eigeninteresse und Profitgier liegen nicht nur in der Natur des Menschen, sie sind auch nötig für den Fortschritt von Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne die "animal spirits", die animalischen Leidenschaften nach einem besseren Leben, wie der britische Ökonom John Maynard Keynes es genannt hat, wäre die Menschheit nicht weit gekommen. Hätten die Sparsamen den Mutigen kein Kapital gegeben, wären wir über das Jagen und Sammeln nicht hinausgekommen. "Gier ist eine wichtige Antriebskraft für die Menschen, um zu Wohlstand zu gelangen", sagt der Wirtschaftsethiker Karl Homann.
Adam Smith, der schottische Vordenker der Marktwirtschaft, hat in seinem Werk "Wohlstand der Nationen" (1776) in einem berühmten Bild beschrieben, warum das Eigeninteresse so wichtig ist: "Es ist nicht das Wohlwollen des Metzgers, Bierbrauers oder Bäckers, von dem wir unser Abendessen erwarten sollten, sondern von der Rücksichtnahme auf sein eigenes Interesse." Womit er sagen wollte: Auf einen Bäcker, der als Gutmensch Brot backt, sollten wir uns lieber nicht verlassen. Er könnte die Lust daran verlieren. Zuverlässiger ist es, wenn der Bäcker aus purem Eigennutz Brot herstellt.
Doch Eigennutz ist nicht alles. Und das war er auch nicht für Adam Smith. Schließlich war Smith nicht nur Ökonom, sondern vor allem auch Moralphilosoph. In seiner "Theorie der moralischen Gefühle" (1759) hat er das höchste Ziel des Menschen beschrieben: die Wertschätzung seiner Mitmenschen. Die ist zwar oft hoch, wenn ein Bürger viel Vermögen erworben hat. Doch die Wertschätzung hängt auch davon ab, auf welche Art und Weise der Reichtum erworben wurde.
Was macht den ehrbaren Kaufmann aus?
Der ehrbare Kaufmann ist einer, der das langfristige Wohlergehen seines Unternehmens im Blick hat. Seine Gewinne verprasst er nicht, sondern investiert sie, um auch in Zukunft Gewinne machen zu können. Diesen Grundsatz haben viele Unternehmen des Neuen Marktes einst vernachlässigt. Mit dem Firmen-Porsche in die Pleite, hieß es später oft.
Der ehrbare Kaufmann betrügt seine Geschäftspartner nicht, um auch in Zukunft mit ihnen handeln zu können. Der alte Grundsatz "Ein Mann, ein Wort" gilt ihm bis heute, auch wenn Geschäfte heute meist nicht mehr per Handschlag, sondern am Telefon oder per Internet getätigt werden.
Der ehrbare Kaufmann behandelt seine Mitarbeiter fair, damit sie seinem Unternehmen weiter engagiert dienen. Er vermittelt ihnen auch die Werte des ehrbaren Kaufmanns und stiftet sie nicht zu Korruption an.
Der ehrbare Kaufmann tritt auch bei internationalen Geschäften für seine Werte ein. Auch wenn in manchem afrikanischen oder südamerikanischen Land Bestechung üblich ist, um an Aufträge zu kommen, verzichtet er darauf. Siemens hatte das nicht beherzigt – entsprechend hoch war der Ansehensverlust, als der Schmiergeldskandal aufflog.
Gäbe es nur ehrbare Kaufleute, hätte es die Finanzkrise nicht gegeben. Und so mahnte damals der frühere Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun: "Wir müssen das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ernst nehmen." Dafür kämpft auch das Handwerk. Der Düsseldorfer Handwerks-Präsident Wolfgang Schulhoff wird nicht müde, eine stärkere Haftung der angestellten Manager für ihr Handeln einzufordern. Denn nur wer selbst etwas riskiert (den Verlust von eigenem Vermögen oder eigenem Ansehen), wird die Folgen seines Handelns ausreichend bedenken. Wäre dieser Grundsatz beherzigt worden, hätten junge amerikanische Banker eben nicht faule Hauskredite zu Paketen bündeln können und auf neue Wertpapiere aufteilen können, deren Risiken keiner durchschaute, was am Ende die Finanzkrise ausgelöst hat.
Es ist sinnvoll, wenn die European Business School ihre Absolventen nicht länger nur mit Methoden von Controlling und Hedging vertraut macht, sondern auch mit den moralischen Maßstäben ihres Handelns. Dass die Hochschule, die sich über Studiengebühren finanziert, dabei auch ganz egoistisch an ihr eigenes Marketing denkt, versteht sich von selbst.
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