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Die Suche nach den Schuldigen

zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 02:30

Die Staatsanwaltschaft hat nach der Tragödie alle Planungs-Unterlagen der Loveparade beschlagnahmt. Schon vor der Veranstaltung gab es massive Bedenken bezüglich des schmalen Zugangs und Kritik am Sicherheitskonzept. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland verwies bei der Frage nach den Ursachen auf die laufenden Ermittlungen.

Als Oberbürgermeister Adolf Sauerland gestern Blumen an der Unglücksstelle niederlegte, wurde er von anderen Trauernden mit "Pfui"-Rufen empfangen – wahrscheinlich als Reaktion auf seinen öffentlichen Auftritt. "Die Frage nach dem ,Warum' kann nur von den ermittelnden Behörden beantwortet werden", sagte ein sichtlich angeschlagener Sauerland gestern bei der Pressekonferenz. "Mit voreiligen Schuldzuweisungen ist weder den Angehörigen noch den Opfern geholfen."

Am Abend des Katastrophen-Tages hatte der Oberbürgermeister das Sicherheitskonzept für die Loveparade noch verteidigt. Dass die Massenpanik erst entstanden sei, als Einzelne vom Tunnel auf das Gelände zu gelangen versuchten und dabei in die Menge stürzten, belege das. Dies seien "individuelle Schwächen", so Sauerland. Besonders in Internetforen brach ein Sturm der Entrüstung los. Die Äußerung war als Schuldzuweisung an die Opfer verstanden worden. Spekulationen zufolge wurde der Rücktritt des Duisburger Oberbürgermeisters für den Abend erwartet. Gegenüber der RP dementierte Sauerland jedoch diese Gerüchte.

Trotz allem bleibt die ungeklärte Schuldfrage das beherrschende Thema. Neben der grundlegenden Kritik am Sicherheitskonzept gibt es auch Zweifel an der Arbeit der Polizei. Diese, so der Vorwurf von Augenzeugen, soll den Zufluss der Fans zum Tunnel nicht richtig geregelt haben. Dies wies der stellvertretende Duisburger Polizeipräsident, Detlef von Schmeling, zurück: "Die Polizei hat den Zugang zum Gelände aktiv begleitet, es gab aber nach meiner Einschätzung noch Bewegungsmöglichkeiten auf der Rampe". Ebenso könne er nicht bestätigen, dass es in der Menschenmasse im Tunnel einen besonders großen Druck gegeben habe oder Beamte gar den Gebrauch der Schusswaffe angedroht hätten. "Im Gegenteil: Polizisten haben eine Leiter heruntergereicht, damit Leute, die aus dem Tunnel kletterten, gefahrlos auf das Gelände gelangen konnten."

Im Zentrum der Kritik aber stehen Sauerland und sein Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe, der nun den Krisenstab leitet. Sauerland sah die Tatsache, dass Bochum die Loveparade absagte, als Chance für Duisburg und bot dem Loveparade-Sponsor und Rechteinhaber Rainer Schaller seine Unterstützung an. Von Anfang an aber gab es massive Bedenken gegen die Duisburger Pläne. Im Internet wiesen viele Raver auf das Missverhältnis der zu erwartenden Zuschauermengen und der Fassungskapazität des Festplatzes sowie seines einzigen Zuwegs hin. Auch von Seiten der Feuerwehr sollen dem Oberbürgermeister gegenüber vorab Bedenken zur Sicherheit der Loveparade geäußert worden sein. Sauerland konnte dies gestern nicht bestätigen.

Formal liegt die Verantwortung für die Sicherheit auf dem Gelände beim Veranstalter. Für die Zuwege sind Stadt und Polizei zuständig. Das Konzept wurde aber gemeinsam unter Hinzuziehung der Feuerwehr beschlossen. Die Polizei sollte den Zufluss der Massen in den Tunnel steuern, die Ordner der Veranstalter den Zutritt zum Party-Gelände. Gab es möglicherweise verhängnisvolle Kommunikationsprobleme, als die einen den Zugang zum Gelände dicht machten und die anderen den Zustrom durch den Tunnel nicht unterbanden?

Tatsächlich führte bis zum Unglück – danach öffnete die Polizei als Fluchtwege vorgesehene weitere Zu- und Abgänge – nur ein und derselbe Weg auf das Gelände und von dort wieder weg. Dies sei ein Skandal, kritisierte Loveparade-Gründer Dr. Motte im "Berliner Kurier" und warf den Veranstaltern "reine Profitgier" sowie mangelndes Verantwortungsgefühl für die Menschen vor. Außerdem sollen Polizisten, die 2008 bei der Loveparade in Dortmund dabei waren, vor der Duisburger Veranstaltung ihre Bedenken bezüglich des Zugangs geäußert haben, weil es schon in Dortmund bei einer Eingangsbreite von 180 Metern Probleme gegeben habe – in Duisburg war der Eingang aber nur 20 Meter breit.

Laut Medienberichten sollen zudem hochrangige Polizisten gegen die Führung der Menschenmassen durch den Tunnel Bedenken vorgetragen haben. Das Gelände, auf dem die Techno-Party stattfand, sei viel zu klein gewesen, sagte etwa der stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Orscheschek. Die Toten und Verletzten seien "Opfer materieller Interessen" geworden, kritisierte der Gewerkschafter. Die Stadt Duisburg sei bei der Planung der Loveparade von Veranstalterseite derart in die Enge getrieben worden, dass sie trotz "eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich" nur habe "Ja" sagen können. Bezüglich des Fassungsvermögens des Geländes gibt es keine klaren Aussagen. Laut Schaller passen rund 350 000 bis 400 000 Menschen auf das Areal – bei 1,4 Millionen erwarteten Gästen. Die Frage, wo sich der Rest der Raver aufhalten sollte, wurde nicht beantwortet.

Bisher gingen nach der Tragödie zwei Strafanzeigen ein. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat sämtliche Planungs-Unterlagen der Loveparade beschlagnahmt.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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