Die Mutter der Nation
VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 03.06.2010 - 02:30Die Personalie ist noch nicht offiziell beschlossen. Aber die Hinweise verdichten sich, dass Arbeitsministerin Ursula von der Leyen die neue Bundespräsidentin werden soll. Die siebenfache Mutter hat gute Voraussetzungen: Sie ist im Volk beliebt, redegewandt – und sendungsbewusst.
Die erste Reaktion Ursula von der Leyens auf ihre mögliche Kandidatur für das Präsidentenamt darf ins Geschichtsbuch eingehen als koketteste Antwort, seit es unangenehme Fragen gibt. "Also, zu der Nachfrage nach einem spezifischen Arbeitsplatz", holte sie aus, "gilt die gute Regel: Es muss jetzt unter hohem Zeitdruck eine gute Lösung für dieses Land gefunden werden, und deshalb gilt für mich einfach. . ." An diesem Punkt bricht sie ab und hält sich drei Finger vor den Mund. Das nennt man vielsagendes Schweigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie der Anruf der Kanzlerin mit dem lukrativen Job-Angebot für Schloss Bellevue offensichtlich schon erreicht.
Die amtierende Arbeitsministerin und siebenfache Mutter ist eine Art politisches Allzwecktalent. Noch vor fünf Jahren war sie als Quereinsteigerin und Sozialministerin in Niedersachsen weitgehend unbekannt. Damals lief nur ihr Chef, Niedersachsens Ministerpräsident Wulff (CDU), herum und prophezeite, dass man von dieser Frau noch viel hören werde.
Und so kam es. Handstreichartig reformierte sie als Familienministerin in der großen Koalition die Familienpolitik der CDU. Sie düpierte die SPD, indem sie mit dem Ausbau der Kinderbetreuung und dem Elterngeld sozialdemokratische Projekte durchdrückte.
Dabei scheute sie auch nicht davor zurück, sich eine blutige Nase zu holen. Als sie ohne Absprache mit der Kanzlerin eine halbe Million neuer Krippenplätze versprach, überlebte sie politisch nur, weil die Kanzlerin trotz ihrer Verärgerung die Linie für eine moderne Familienpolitik unterstützte.
Ursula von der Leyen führte in den Anfangsjahren ihr Berliner Ministerium im Husarenritt. Bei ihren Mitarbeitern ist sie zugleich beliebt und gefürchtet: beliebt, weil man ihr alles nur einmal erklären muss, gefürchtet, weil sie eben diese Eigenschaft für normal hält. Zudem ist sie fleißig und diszipliniert. Sie trinkt keinen Alkohol, ernährt sich überwiegend von Obst, Gemüse und Milchkaffee. So oft es möglich ist, fährt sie nach Hause nach Hannover. Dort lebt sie mit Kindern, Mann und dem demenzkranken Vater unter einem Dach. Sie sei eine "Sekundensammlerin", sagt ein Mitarbeiter über sie. Kein Augenblick verstreicht ungenutzt.
Der Vater hat in von der Leyens Leben eine große Rolle gespielt. Er gab ihr den Spitznamen "Röschen", der nahelegte, dass sie ein zierliches Mädchen war, das im Fall der Fälle dornig sein konnte. Sie ist ihrem Vater optisch ähnlich und hat sich von ihm beraten lassen, als sie in die Politik einstieg. "Die grinst wie ihr Vater", sagen manche, die den ehemaligen niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht nicht mochten und das auf von der Leyen übertragen haben.
Die gelernte Ärztin hat anfangs viel persönliche Kritik auf sich gezogen. Gerne hat sie sich im Kreis ihrer sieben Kinder als perfekte Karrieremutter präsentiert. Das war schwer zu ertragen für viele, bei denen es nicht so rund läuft. Zumal ihr strahlendes Lächeln vermittelt, bei ihr geschehe alles mühelos. Familien, die in klassischer Rollenteilung leben, nahmen sie teils als Bedrohung wahr. Diese Kritik ist verstummt. Da hat von der Leyen die Gesellschaft geöffnet. Mittlerweile taucht sie in allen Umfragen nach den beliebtesten Politikern weit vorne auf. Längst ist auch die parteiinterne Kritik verstummt. Als Arbeitsministerin hat sie gerade begonnen, sich von der Mutter der Nation zum sozialen Gewissen der Nation zu wandeln.
Die 51-Jährige lernt rasant. Das Veröffentlichen privater Fotos und Berichte hat sie in Berlin rasch eingestellt. Dafür bespielt sie Talkshows und Unterhaltungssendungen mit ihrem außergewöhnlichen Kommunikationstalent. Unvergessen ihr Auftritt bei der TV-Show "Wetten, dass...?", wo sie sich von dem Schauspieler Hugh Jackman auf Händen tragen ließ, der damals als "Sexiest Man Alive" galt.
Das war zu einer Zeit, als sie im Familienministerium mit den Hufen zu scharren begann. Die großen Projekte waren abgeräumt. Sie konnte sich nur noch mit Internetsperren gegen Kinderpornos mühen und handelte sich dafür den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Zensursula" ein.
Damals warf die agile Ministerin ein Auge auf das Gesundheitsministerium. Wer ein "Wickelvolontariat" gegen die CSU durchboxen kann, würde wohl auch eine Gesundheitslobby bändigen können. Als sich nach der Bundestagswahl 2009 abzeichnete, dass sie ihr Wunschressort nicht bekommen würde, unternahm sie noch einen Versuch, sich als EU-Kommissarin in ihre Geburtsstadt Brüssel versetzen zu lassen. Da machte aber die Kanzlerin nicht mit. Nachdem sich von der Leyen zähneknirschend gefügt hatte und den Job als Familienministerin wieder antrat, kam ihr der Rücktritt von Arbeitsminister Franz Josef Jung zugute. Sie stieg im Kabinett auf und verwaltet nun einen Jahres-Etat von rund 140 Milliarden Euro.
Nun wird es wohl erneut ein überraschender Rücktritt sein, der von der Leyens politische Blitzkarriere krönt. Sie ist für das Amt hervorragend ausgestattet: redegewandt, visionär, sendungsbewusst, gut aussehend, im Volk beliebt. Sie spricht fließend Englisch und Französisch. Allerdings hat sie auch einen ungestümen politischen Gestaltungswillen. Da darf man gespannt sein, ob sie vom Gaspedal herunter findet und sich weitgehend aufs Repräsentieren beschränkt.
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