Der Wert des Karfreitags
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 15.04.2011 - 02:30Nach Essen soll jetzt auch in Düsseldorf eine Theaterproduktion untersagt werden. Die Empörung in der Kunstszene ist groß. Doch die Kirche wehrt sich: Karfreitag ist grundlegend für den Glauben.
Düsseldorf Groß ist der Jammer hierzulande – mit der Klage vieler Kulturschaffenden darüber, dass am Karfreitag nichts Unterhaltsames geboten werden darf. Unverständnis macht sich Luft über mögliche Einschränkungen, die erstens einem Glauben geschuldet sind, der sich angesichts leerer Kirchen und sinkender Mitgliederzahlen immer stärker aus dem Zentrum unserer Gesellschaft zu entfernen scheint; und die zweitens Behörden zu willfährigen Erfüllungsgehilfen der Kirche machen.
Jüngstes "Opfer" in diesem Vorgang ist der Düsseldorfer Konzertveranstalter René Heinersdorff, der gestern nach eigenen Worten erfuhr, dass die Klamotte "Der lustige Witwer" von Simon Moss nun nicht zu Karfreitag im Theater an der Kö gezeigt werden dürfe. Dass der Innenminister des Landes seine Produktion unterhaltsam findet – städtische Produktionen hingegen nicht –, wollte Heinersdorff mit einem guten Schuss Sarkasmus noch als Kompliment auffassen. Zwar habe er auch grundsätzlich nichts gegen den Karfreitag, doch halte er die gesamte Debatte für heuchlerisch und letztlich populistisch: "Wenn die Gesellschaft beschließt, sie will einen Tag innehalten, dann soll sie auch die Bordelle schließen, das Fernsehen soll den ,Terminator' aus dem Programm nehmen und kein Flug nach New York gehen dürfen", so Heinersdorff gestern gegenüber unserer Zeitung.
Der Bühnentod des lustigen Witwers hat gestern ein paar Wellen geschlagen. In keinem anderen Bundesland, so wetterte der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, gebe es eine vergleichbar strenge Handhabung. Und das vermeldete er aus Hamburg, der protestantischen Hansestadt, in der zu Karfreitag alle Bühnen bespielt werden dürfen, wie Bolwin mit reichlich Genugtuung vor Ort registrieren durfte.
Betroffen ist auch das Aalto-Musiktheater der ehemaligen Kulturhauptstadt Essen, das seine gleichfalls auf Karfreitag angesetzte Premiere von Puccinis "Madame Butterfly" nun verschieben muss. Das hat die Bezirksregierung bereits vor einigen Tagen angewiesen. Und die Rechtslage ist nach Paragraph 6 des Feiertagsgesetzes von Nordrhein-Westfalen unstrittig: Alle Veranstaltungen, die der öffentlich Unterhaltung dienen (einschließlich Tanz), sind bis zum nächsten Tag um 6 Uhr verboten.
Der Essener Vorgang blieb nicht unkommentiert. Die Schlagzeile, die folgte, gab sich spektakulär und lautete "Kirche gegen Kunst". Dass möglicherweise die Umkehrung ebenso zutrifft, blieb in der Debatte unbedacht – wie auch in der Philippika des nordrhein-westfälischen Grünen-Politikers Sven Lehmann, der gestern das Freiheitsrecht des Menschen einforderte, nach seiner Fasson leben zu dürfen.
Diese Debatte – die sich im übrigen in unterschiedlichen Erregungsgraden Jahr für Jahr wiederholt – kann dem Karfreitag wie auch dem Verständnis dieses Tages durchaus dienlich sein. Dass der Tag uns stört und irritiert, sind Einschätzungen und Empfindungen, die ja dem Wesen des Karfreitags keineswegs fremd sind. Christen würden – salopp formuliert – sogar noch eine Schüppe drauflegen und mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Tag ungeheuerlich und unerträglich ist: Schließlich geht es um den Kreuzestod von Jesus Christus. Und der ist – angesichts von Gottes Allmacht – obendrein noch schwer verständlich.
Auch innerkirchlich wird immer wieder darüber debattiert, warum Jesus von seinem eigenen Vater dem Kreuz überantwortet wird. Warum es also notwendig sein musste, dass Gott mit dem qualvollen Kreuzestod des geliebten Sohnes eine Art Sühneopfer darbringen muss.
Friedrich Schleiermacher wie Immanuel Kant waren der Ansicht, dass die Schuld eines Menschen nie von einem anderen übernommen und somit gesühnt werden könne. Schließlich bestehe die Würde des Einzelnen auch darin, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Die Vorstellung, dem Kreuzestod Christi könne eine Heilsbedeutung innewohnen, war für sie entwürdigend.
Das sind zwar gewichtige Stimmen, aber doch die Ausnahmen. Von Präses Nikolaus Schneider, der gestern umgehend auf den Grünen-Politiker Lehmann reagierte und die Abschaffung der Karfreitagsruhe vehement kritisierte, ist jüngst ein Buch mit dem vergleichsweise sanften Titel "Texte für die Seele" erschienen. Darin formuliert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland die Grundlage seines Glaubens. Und dazu zählt er besonders den Kreuzestod Jesu, der für ihn notwendig ist: "Denn wie kann und wie soll Liebe zeigen, dass sie stärker ist als alle Todesmächte, wenn sie Leiden und Tod vermeidet?"
Und noch etwas zeigt sich für Schneider am Kreuz: Es wird "zum Zeichen und Erweis der Menschenliebe Gottes". Von da aus wird die Kreuzestheologie zu einer Hilfe, mit der wir Gottes Präsenz in der Welt begreifen können: "Die Erinnerung an Jesu Leiden und Sterben lässt uns gewiss werden, dass Gott mitten unter uns ist."
Wie drängend sind die Fragen nach jedem Unglück und jeder Naturkatastrophe, wo Gott, der Allmächtige, denn nun gewesen ist? Die Antwort des Karfreitags lautet: Gott ist kein Supermann, der alles und jeden rettet. Er ist vielmehr im Leid wie im Triumph gegenwärtig. Er ist bei den Menschen in Fukushima, er sitzt im altersschwachen Boot unter den Flüchtlingen aus Afrika.
Es sind große, wichtige Fragen, die der Karfreitag an uns richtet. Und er ist kein schlechter Anlass, mit seiner Botschaft über unseren Glauben oder unseren Unglauben zu reden. Aber es ist eine vertane Chance, solche Debatten aus einer Haltung heraus zu führen, die aus dem Karfreitag vorrangig eins zu machen glaubt: einen zusätzlichen Urlaubstag.
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