Der Wandel des Christian Wulff
VON SVEN GÖSMANN - zuletzt aktualisiert: 05.06.2010 - 02:30Noch ehe er (wahrscheinlich) zum Bundespräsidenten gewählt wird, haben viele schon ihr Urteil über den bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten gefällt. Die SPD ätzt: Er sei ein Schwiegersohn-Typ mit einer "politischen Laufbahn, aber keinem Leben". Das ist so dumm wie falsch.
Düsseldorf/Hannover Eigentlich gibt es zwei Christian Wulffs.
Den ersten konnte man 1998 in Hannover kennenlernen. Da war er schon etliche Zeit CDU-Oppositionsführer und arbeitete sich vergeblich an Gerhard Schröder ab. Der Ministerpräsident und Kanzler in spe – eine Wucht von einem Mann, mit dicken Zigarren die Richtung im VW-Land Niedersachsen vorgebend. Wulff, sehr jugendlich, randlose Brille, Strebertyp, hatte gegen ihn 1994 die Landtagswahl klar verloren. Der von Schröder zur Volksabstimmung über seine Kanzlerkandidatur umfunktionierte Wahlgang 1998 geriet für Wulff dann gar zur Demütigung.
Der Wulff jener Tage war ein in sich gefangener Mann. Kritik gab es reichlich: Verlierer, ein Weichei mit feuchten Handflächen. Doch der heute 50-jährige war nach seiner zweiten Niederlage erst 38 und damit in einem für Politiker jugendlichen Alter. Er erfand sich neu, kehrte Qualitäten nach außen, die er verborgen hatte, um sich unangreifbar zu machen: seinen zu amüsanter Ironie fähigen Humor, Empathie, Zähigkeit. Das machte nicht nur seine Reden hörbar besser.
Die Tage um die Jahrtausendwende waren die Zeit, in der Wulff den Blick auf einen Menschen erlaubte, der alles war – nur keine leblose Politikmaschine. Das Schicksal seiner Familie im heimischen Osnabrück hat Wulff geprägt. Kleine Verhältnisse, katholisch. Der Vater ging, da war Christian zwei Jahre alt. Als er 15 war, wurde bei seiner Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert. Wulff pflegte seine hinfällige Mutter, die 1996 starb, kümmerte sich um seine sieben Jahre jüngere Schwester Natascha. Ein Gerücht, zu dem er nie Stellung bezog, sagt Wulff eine Abneigung gegenüber Sozialdemokraten nach, weil sein Vater einer gewesen sei. Vielleicht landete Abiturient Wulff so in der Schüler-Union, der Jungen Union, als Jurastudent in der CDU.
Zäh, schon zum zweiten Mal trifft es diese Beschreibung am besten, stürzte Wulff sich in seine dritte Legislaturperiode in der Opposition und wurde belohnt. 2003 fegte er eine ausgelaugte rot-grüne Landesregierung unter Sigmar Gabriel hinweg, bildete mit der FDP eine 2008 wiedergewählte Koalition.
Anfangs regierte er mit harter Hand, modernisierte Niedersachsen. Doch neben den regierenden "Minister" trat bald auch der repräsentierende "Präsident". In diese Phase fiel auch eine private Zäsur. Die Ehe mit seiner Studentenliebe Christiane zerbrach. Seine Frau hatte die repräsentativen Pflichten einer Politikergattin widerwillig ertragen, verstand sich besser mit den Pferden auf ihrer Koppel als mit den Wichtigen oder Wichtigtuern des Politikbetriebs. Aus der Ehe stammt Tochter Annalena (16), die bei ihrer Mutter lebt, zu der Wulff aber ein inniges Verhältnis bewahrt hat.
2006 trat Wulff öffentlich mit seiner neuen Lebensgefährtin Bettina Körner auf, seit der Hochzeit 2008 Bettina Wulff. Als sie noch unverheiratet, dazu am rechten Arm mit einem indianischen Stammes-Tattoo versehen, das Damenprogramm einer Ministerpräsidentenrunde leitete, gab es Getuschel. Das verstummte nach der Hochzeit, erst recht, als der gemeinsame Sohn Linus Florian zwei Monate nach der Hochzeit geboren wurde; sie hat auch noch den sechsjährigen Sohn Leander aus einer früheren Verbindung. Man kann die Wulffs, die in Großburgwedel bei Hannover leben, eine funktionierende Patchworkfamilie nennen. Wulff berichtete stolz von seinen Erfahrungen beim Wickeln des Nachwuchses.
Bettina Wulff (36), auch das gehört zum zweiten Christian Wulff, ist eine Frau, die gern in der Öffentlichkeit steht. Sie arbeitet als PR-Referentin bei der Drogeriemarktkette Rossmann. Selbstsicher setzt sie ihr gewinnendes Äußeres und ihre offene Art ein, um Menschen für sich, aber auch für ihren Mann einzunehmen.
Zur Geschichte des zweiten Christian Wulff passt auch, dass sein neues Familienglück ihn an der Politik zweifeln ließ. Er sprach sich das Kanzler-Gen ab, er sei "kein Alphatier". Wahr ist: Wulff langweilte sich in der Landespolitik; das einzige interessante Ziel, das Kanzleramt, war durch die nur fünf Jahre ältere Angela Merkel besetzt.
Ausgerechnet Merkel war es, die ihren ewigen Rivalen jetzt in einem abendlichen Dialog, den man sich sehr kompliziert vorstellen muss, fragte: "Könntest Du dir vorstellen. . .?" Er antwortete möglicherweise: "Wollen würde ich schon. . ."
Deutschland würde einen guten, einen reifen Präsidenten bekommen: den zweiten Christian Wulff.
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