Der Eyjafjallajökull legt Europa lahm
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 16.04.2010 - 02:30Starke Winde haben nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans eine gigantische Aschewolke über Europa getrieben. Normalerweise fließt die Lava ruhig aus dem Eyjafjallajökull – diesmal jedoch haben sich Wasser und Magma zu einem explosiven Gemisch verbunden. Weitere Eruptionen sind nicht auszuschließen. Gefahr droht aber nur der Luftfahrt.
Hamburg Der Eyjafjallajökull hat trotz seines unaussprechlichen Namens das Zeug dazu, berühmt zu werden. Dabei galt er bislang als einer der weniger aktiven Vulkane Islands – er hat es aber dennoch geschafft, den Flugverkehr in Nordeuropa lahmzulegen. Eine gigantische Aschewolke hat sich gestern und in der Nacht zu heute über Skandinavien, Großbritannien und die Benelux-Staaten bis über große Teile Deutschlands ausgebreitet. Allein in Deutschland sind bislang mehrere hundert Flüge ausgefallen, über Großbritannien, Irland und weiten Regionen Skandinaviens wurde der Luftraum komplett gesperrt. Es ist das erste Mal in der Geschichte der europäischen Luftfahrt, dass zu derart drastischen Maßnahmen gegriffen wurde – und das nach einem aus vulkanologischer Sicht eher moderaten Ausbruch.
Normalerweise zählt der Eyjafjallajökull, der 1821 zuletzt ausgebrochen war, zu den berechenbareren Vulkanen. "Wir unterscheiden zwischen explosiven und effusiven Vulkanen", erklärt Knut Hahne, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geoforschungszentrum Potsdam. Bei den effusiven Kandidaten, zu denen auch der Eyjafjallajökull gehört, tritt Magma ruhig durch Spalten aus. Dies ist bei den bisherigen Ausbrüchen im März auch geschehen; rund 25 000 Touristen beobachteten seither das Spektakel. "Bei dem Ausbruch am Mittwoch muss unerwartet Gletscher-Wasser in die Magma-Zone gelangt sein – dann wird es explosiv", so Hahne.
Bis in elf Kilometer Höhe wurde die Aschewolke ausgestoßen, feinere Partikel können sogar bis auf eine Höhe von 20 Kilometer aufsteigen und die Erde umrunden. Die Wolke besteht aus fragmentierter Lava, wobei die größeren Stücke in der Nähe niedergehen, die kleineren Bröckchen, so genannte "Lapilli", aber weiter getragen werden. "Die Größe der Asche-Teilchen variiert zwischen einem Tausendstel Millimeter und mehreren Millimetern", sagt Hahne. Für den Experten ist der Ausbruch jedoch eher harmlos. Auf einer Skala von Null bis Acht, wobei die Acht für einen Super-Gau wie den Vulkan unter dem Yellowstone stünde, bekäme der Eyjafjallajökull nur eine bescheidene Zwei.
Was die Eruption so besonders macht, sind die starken Winde, die die zunächst rund 200 mal 100 Kilometer große Aschewolke allmählich Richtung Ost/Südost treiben. Gegen 2 Uhr heute Nacht soll die Wolke bis Frankfurt gezogen sein. "Die Vorhersage ist ziemlich sicher", sagte gestern Andreas Beck vom Deutschen Wetterdienst (DWD). "Es wird zu erheblichen Störungen im Luftverkehr kommen." Heute im Laufe des Vormittags soll sich die Situation aber wieder entspannen. Sicher ist: Je weiter sich die Wolke ausbreitet, desto mehr nimmt die Konzentration der Asche-Partikel ab. Beck: "Es gibt natürlich einen gewissen Ausfall, einiges verflüchtigt sich, anderes setzt sich auf dem Boden ab."
Der Würzburger Vulkanologe Bernd Zimanowski warnte mit Blick auf die Auswirkungen in Deutschland zugleich vor Hysterie. Es sei nicht unbedingt zu erwarten, "dass bei uns schwarzes Zeug vom Himmel fällt", sagte er. Es könne aber durchaus passieren, dass an manchen Orten Aschestaub auf Autos liege, so wie dies im Jahr 1981 nach dem Ausbruch des Vulkans Mount St. Helens in den USA an einigen Orten in Deutschland beobachtet worden sei. Grundsätzlich hängt es von der Windrichtung und der Explosionsstärke ab, inwieweit eine Eruption sich regional auswirkt. "Extrem war zum Beispiel der Ausbruch des Tambora auf Sumatra im Jahr 1815, der die Temperaturen weltweit zurückgehen ließ und Missernten verursachte", sagt Geo-Wissenschaftler Hahne.
Im Falle des Eyjafjallajökull fürchten jedoch isländische Landwirte, dass sich giftige Substanzen wie Fluor aus der Asche im Boden festsetzen. Laut einer skandinavischen Studie von 2007 ist jeder vierte Isländer beim Ausbruch des Lakis 1783 an einer Fluor-Vergiftung gestorben. Auch Hahne hält die unmittelbare Umgebung des Vulkans für die am meisten gefährdete Region. "Wir sind hier doch recht weit davon entfernt – dort kommen die dicksten Brocken und der konzentrierteste Teil der Asche runter." Tatsächlich sind östlich des Vulkans tausende Hektar Land von einer dicken Ascheschicht bedeckt. Heißer Dampf brachte zudem große Mengen Gletschereis zum Schmelzen und führte zu Überschwemmungen. Rund 700 Menschen wurden aus der unmittelbaren Risikozone evakuiert.
Noch ist die Gefahr allerdings nicht vollständig gebannt. Selbst wenn die Aschewolke weiterzieht oder sich verflüchtigt, könnten weitere Ausbrüche den europäischen Flugverkehr beeinträchtigen – bei entsprechender Windrichtung. Laut isländischen Vulkanforschern ist der Eyjafjallajökull, der natürlich rund um die Uhr seismisch überwacht wird, immer noch sehr aktiv. Weitere Ausbrüche seien nicht auszuschließen.
Ob es dabei aber wieder zu einer explosiven Mischung aus Wasser und Magma kommen wird oder eher zu ruhigen Lava-Strömen, kann niemand vorhersagen. Geo-Wissenschaftler Knut Hahne: "Wir sollten nicht vergessen, dass die Vulkane eher da waren als wir Menschen. Diese Urgewalten verdienen unseren Respekt."
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