Das letzte Fest vor Kundus
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 24.12.2010 - 02:30Oberstleutnant Thomas Blank (45), Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 261, verbringt die Feiertage im Familienkreis. Doch schon in wenigen Tagen wird er für Monate Abschied nehmen müssen. Der Offizier bricht auf ins Kampfgebiet im Norden Afghanistans.
Lebach Es wird ein besonderes Weihnachtsfest für das Ehepaar Blank: Tochter Claudia ist gerade erst vier Monate alt, ihr Vater muss am 4. Januar nach Afghanistan. "Im Freundeskreis versteht man nicht, was es bedeutet, Soldatenfrau zu sein. Deshalb werde ich mich verstärkt mit den anderen Frauen aus dem Standort treffen. Wir können uns gegenseitig auffangen", sagt Isabel Blank (38). "Ich weiß, dass mir eine harte Zeit bevorsteht. Es werden Tage kommen, wo es mir nicht so gut gehen wird."
Thomas Blank (45) hat seine Frau über seinen bevorstehenden Einsatz sorgfältig informiert. Mit einem insgesamt 40-köpfigen Mentorenteam begleitet er ein afghanisches Bataillon und bildet selbst den Kommandeur aus, auch im Kampf stets unmittelbar an seiner Seite. Doch wie gefährlich es vielleicht werden könnte – Spekulationen darüber klammert das Ehepaar in stillem Einverständnis aus.
Oberstleutnant Thomas Blank, geboren in Essen-Kupferdreh und aufgewachsen in Kaiserslautern, ist Soldat mit Leib und Seele. Sein militärischer Werdegang begann 1985 bei der Flugabwehr der Luftwaffe, weil sich in diesem Jahr rund 30 000 Bewerber auf insgesamt 2000 Stellen beworben hatten und bei den Fallschirmjägern kein Platz mehr frei war. "Hier bist du falsch", habe er schnell festgestellt. Auf Umwegen gelang es ihm dann doch noch, zur Elite der Soldaten unterm bordeauxroten Barett zu wechseln. Seine Vorstellung vom Offizier beschreibt er so: "Vorleben, vormachen – da gibt es keine zwei Meinungen."
Thomas Blank bedient im positiven Sinne ein Klischee, er ist eben genau so, wie man sich einen kernigen deutschen Fallschirmjäger vorstellt. Herausforderungen wie den bevorstehenden Einsatz in Kundus nimmt er aus Überzeugung an. Seine heutige Frau lernte er auf einer Party in Düsseldorf kennen. Als die gegenseitige Liebe ernst wurde, habe er sein Notebook ausgepackt, ihr Fotos aus dem Einsatz gezeigt und sie gewarnt: "Das ist das, was du kriegst."
Seit 2009 ist Thomas Blank Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 261, das im saarländischen Lebach stationiert ist. Eine Traumaufgabe für den Offizier: "Es ist die erste Position, in der ich aktiv etwas für mir unterstellte Menschen tun kann." Die Saarländer stünden hinter ihren Soldaten: "Beim traditionellen Tag der offenen Tür kommen Tausende in unsere Kaserne, das ist schon eindrucksvoll." Im Gegenzug unterstützen die Fallschirmjäger das Sportfest der örtlichen Landesbehindertenschule und helfen einmal im Jahr bei einem Freizeitangebot für Kinder aus Hartz-IV-Familien.
Zu Blanks Bataillon gehört auch die Stabsgefreite Sarah S., die erste Bundeswehr-Soldatin, die im September 2009 in Afghanistan bei einem Konvoi schwer verwundet wurde, als ihr Auto durch einen Selbstmordattentäter angesprengt worden war. Der Kommandeur, zu diesem Zeitpunkt nicht selbst im Einsatz, erfuhr früh morgens zu Hause davon. "Da muss man schnell reagieren." Während im Lager Kundus das Handynetz abgeschaltet wurde, um die Verbreitung von Gerüchten zu verhindern, rief Blank die Eltern der Soldatin an und beruhigte sie. "Am selben Abend landete schon der Airbus mit der Verletzten in Köln-Wahn. Und wir hatten auch gleich Leute zur Betreuung vor Ort."
Sarah S., so berichtet Blank, habe unwahrscheinliches Glück im Unglück gehabt: "Durch die gewaltige Explosion wurde sie aus dem Fahrzeug auf die Straße geschleudert und gleich zweimal von nachfolgenden Transportern überrollt, deren Fahrer wegen der Staubwolke nichts mehr sehen konnten." Doch jedes Mal geriet die junge Frau genau so mitten zwischen die Räder, dass sie nicht erfasst wurde.
Den Unwägbarkeiten des bevorstehenden Einsatzes begegnet Blank mit sorgfältiger Vorbereitung, immer eng an der Seite seiner Fallschirmjäger. "Sie müssen sich als Mit-Soldat verstehen, nicht als abgehobenen Vorgesetzten. Da unten haben wir auch die Lasten gemeinsam zu tragen." Der Kämpfer Blank scheut dabei auch Auseinandersetzungen mit der Militärbürokratie nicht: "Der Apparat ist teilweise leider noch immer sehr schwerfällig, gerade bei Beschaffungsprojekten. Man muss dann auch mal kreative Lösungen suchen."
Seine Soldaten stünden unter erheblichem Druck, "da muss ich sie begleiten. Wir werden beschossen, wir müssen kämpfen." Trotzdem sei der Umgang mit der Gefahr bei den Fallschirmjägern professionell: " Interessanterweise gibt es bei uns so gut wie kein Kopfkino. Die, die am höchsten belastet sind, haben offenbar die besten Mechanismen, damit umzugehen."
Von der deutschen Öffentlichkeit wünscht sich Blank "weniger Emotionalität im Umgang mit dem Afghanistan-Einsatz. Insgesamt fehlt eine differenzierte Debatte darüber. Doch wir Deutschen haben nach wie vor ein Problem mit den eigenen Streitkräften – wenn auch aus gutem historischen Grund." Das mache es für einen Politiker schwer, den Einsatz am fernen Hindukusch sachlich zu begründen. "Er kann eigentlich nur verlieren, denn er muss auch sagen, dass ein Preisschild daran hängt."
Weihnachten widmet er noch einmal ganz seiner in Bonn lebenden Familie: "Wir versuchen, die Tage noch intensiver zu gestalten." Den Heiligabend feiern die Blanks mit seiner Mutter in München, dann, er verfällt unbewusst in die Militärsprache, "verlegen wir am 25. Dezember zur Schwiegermutter nach Karlsruhe. Klar, das wird diesmal ein ganz besonderes Weihnachten."
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