kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
           
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Rheinische Post Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast

Analyse: Bildungs-Angst nützt Privatschulen

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 03.01.2013

Düsseldorf (RP). Jahr für Jahr gewinnen private Schulen an Zuspruch. Das liegt nicht nur daran, dass deren Angebot als besser gilt – es hat auch viel mit dem Misstrauen der Deutschen gegenüber dem staatlichen Schulsystem zu tun.

Was haben NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann, Unternehmer August Oetker und Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck gemeinsam? Nicht die Herkunft, auch nicht unbedingt die politische Überzeugung, wohl aber ein wichtiges Detail ihrer Bildungsbiografie: Sie alle haben eine Privatschule besucht. Henckel von Donnersmarck lernte am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, Oetker ist Absolvent der Schule Schloss Salem am Bodensee, und Löhrmann machte ihr Abitur am katholischen Mädchengymnasium Beatae Mariae Virginis ("BMV") in Essen.

Die drei gehören als Ex-Privatschüler zu einer wachsenden Gruppe. In NRW ist seit 1990 die Zahl aller Schüler nur um gut acht, die der Privatschüler dagegen um mehr als 37 Prozent auf knapp 169 000 gewachsen – ein Anstieg der Privatschüler-Quote von 6,3 auf acht Prozent. Seit 2003 sinken die Schülerzahlen, aber die Zahl der Privatschüler steigt weiter. Noch stärker war der Zuwachs in ganz Deutschland.

Woher kommt das? "Ich habe an meiner Schule mit all ihren Facetten sehr gehangen", sagt Löhrmann, wenn man sie nach dem gewissen Etwas der Privatschulen fragt: "Im katholischen Mädchengymnasium hat die Werteorientierung eine große Rolle gespielt, und ich habe gelernt, dass Mädchen und Frauen alles erreichen können." Die eigene pädagogische, religiöse oder weltanschauliche Prägung sei das Unterscheidungsmerkmal der Privatschulen.

Mit deutlicher Spitze gegen die staatlichen Schulen beantwortet der Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) die Frage, woher der stetige Zulauf kommt. "Die freien Schulen profilieren sich besonders durch spezielle pädagogische Konzepte und innovative Ansätze, die es im staatlichen Bildungssystem so nicht gibt", sagt VDP-Präsidentin Petra Witt. "Eltern haben heutzutage wesentlich höhere Erwartungen an die Schule als noch vor 15 Jahren." Gefragt seien etwa eine individuelle Betreuung der Schüler und Lernen "in einer angstfreien Umgebung".

Innovation und Profilierung – das ist die eine Seite der Medaille. Wer die andere beschreibt, mag so hässliche Wörter wie Angst, sogar Panik in den Mund nehmen: Der Attraktivität der Privatschulen entspricht die Unattraktivität des öffentlichen Schulsystems. Das Zutrauen dazu haben die Deutschen nämlich weitgehend verloren. Weniger als ein Fünftel erklärte 2010 das staatliche Schulwesen für vorbildlich. Umgekehrt stimmten 80 Prozent der Aussage zu, die Verantwortung für die Ausbildung der Kinder liege vor allem bei ihnen selbst. Es gibt keine Gründe für die Annahme, dass sich seither daran Grundlegendes geändert hätte. Milliardenumsätze der Nachhilfeanbieter und die jährlich aufs Neue zu besichtigende Sorge der Eltern von Viertklässlern, ihr Kind könne durch Anmeldung an einer "falschen" Schule in eine "Schublade" rutschen, aus der es nie mehr herausfindet, sprechen eher für fortdauernde Bildungsangst, genährt auch von der Sorge um den sozialen Familienstatus.

Von "Bildungspanik" spricht angesichts all dessen sogar der Kasseler Soziologe Heinz Bude. Er beobachtet einen Exodus aus den staatlichen Schulen etwa in Berlin und warnt: "Die öffentlichen Schulen bleiben dann übrig für die vermeintlichen Verlierer. Das ist eine gefährliche Tendenz." Jörg Dräger, Bildungsvorstand der Bertelsmann-Stiftung, sagt: "Privatschulen entstehen dort, wo es sich Eltern finanziell leisten können, die ihren Kindern etwas Besseres zu ermöglichen glauben als öffentliche Schulen." Dräger spricht von "einer Flucht aus dem staatlichen System": "Die Eltern treibt die Sorge, die eigenen Kinder würden nicht genug lernen oder durch die Vielfalt im Klassenzimmer gebremst. Das ist ein Krisensymptom."

Eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung kam 2011 zu einem ähnlichen Schluss: "Eine wichtige gesellschaftliche Funktion von Privatschulen wird in der Kompensation von Unzulänglichkeiten des öffentlichen Schulwesens gesehen." Vor allem Ganztagsbetreuung, Förder- oder mehrsprachiger Unterricht an öffentlichen Schulen gälten als mangelhaft. Die Studie geht aber noch weiter. "Es ist offensichtlich", heißt es dort, "dass das Hauptmotiv der Eltern, ihre Kinder an Privatschulen anzumelden, der Wille zur Milieunähe und Distinktion ist."

Soll heißen: Eltern von Privatschülern bleiben im Zweifelsfall lieber unter sich. In einer Erhebung kreuzten 2006 – neuere Daten liegen nicht vor – 42 Prozent als Grund für eine Anmeldung ihres Kindes an einer Privatschule den Satz an: "Mein Kind soll in einem besseren sozialen Milieu aufwachsen." Zusammen mit "An staatlichen Schulen kommt die Ausbildung der Persönlichkeit der Kinder zu kurz" war dies die meistgenannte Antwort. Die Studie der Ebert-Stiftung prangert denn auch an, "soziale und ethnische Segregation", also Trennung nach Einkommen und Herkunft, sei "faktische Begleiterscheinung eines parallel zum öffentlichen Schulsystem existierenden Privatschulwesens".

Dass an Privatschulen die bildungsnahen Schichten besonders gern ihre Kinder anmelden, sei zwar richtig, sagt Verbandspräsidentin Witt. Aber: "Hier geht es nicht um Abgrenzung. Sich mit den Bildungsmöglichkeiten für die eigenen Kinder intensiv auseinanderzusetzen – das geschieht nun einmal vermehrt in bildungsnahen Haushalten."

Hinzu kommt die soziale Komponente, kurz gesagt: das Geld. Gefragt danach, wer sich denn ein Abitur in Salem überhaupt leisten könne, antwortet Schulleiter Bernd Westermeyer lieber, die Frage sei doch, was Eltern bereit seien, in die Ausbildung zu investieren. Denn es kommen schon ein paar Euro zusammen: Während etwa die Schulen der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, zu denen das Graue Kloster gehört, maximal 496 Euro pro Monat Schulgeld verlangen, sind es in Salem bis zu 2890. Ihr Lob für die Privatschulen in NRW verbindet Schulministerin Löhrmann daher mit der Mahnung: "Entscheidend ist, dass auch die Privatschulen ihren Beitrag zu mehr Chancengleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Inklusion leisten."

"Privat statt Staat" in der Bildung bleibt ein zweischneidiger Trend: Der Zulauf zu den Privatschulen erzählt mindestens so viel von den Ängsten der Deutschen wie von ihren Hoffnungen.

Quelle: RP
Mehr zu den Themen dieses Artikels


Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.
Anzeige

Angela Merkel als junges Mädchen
Angela Merkel als junges Mädchen
Angela Merkel in ihrem ersten Leben. Bilder aus der DDR. mehr 
 
Angela Merkel als junges Mädchen
Angela Merkel als junges Mädchen
Angela Merkel in ihrem ersten Leben. Bilder aus der DDR.
mehr 
Richter und Staatsanwälte demonstrieren in Düsseldorf
Richter und Staatsanwälte demonstrieren in Düsseldorf
Mehr als 1000 Richter und Staatsanwälte haben am 13. Mai 2013 im Düsse ..
mehr 
Politikexperte Gerd Langguth ist gestorben
Politikexperte Gerd Langguth ist gestorben
Politikexperte Gerd Langguth ist gestorben
mehr 
First Lady Daniela Schadt tanzt spontan Salsa
First Lady Daniela Schadt tanzt spontan Salsa
Bundespräsident Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt besucht ..
mehr 
Parteikonvent der CSU

Spannende Landtagswahl in Bayern

Seehofer schreibt absolute Mehrheit ab

Die Verwandtenaffäre im bayerischen Landtag wird nach Ansicht von CSU-Chef Horst Seehofer auch negative Folgen für die Partei in Umfragen und Wahlen haben. Er sagte der "Welt am Sonntag", sein Ziel für die Landtagswahl am 15. September sei daher ... mehr

 
Euro Hawk scheitert an Zulassung

Probleme bei Aufklärungsdrohne Euro Hawk

Der Druck auf Minister De Maiziere wächst

Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und sein Ministerium geraten im Zusammenhang mit der Aufklärungsdrohne Euro Hawk zunehmend unter Druck. Die spannende Frage: Wann erfuhren die Verantwortlichen von den massiven technischen ... mehr

 

Landesminister soll für Energiefragen zuständig sein

Steinbrück holt Machnig ins Kompetenzteam

 
 

"Krisenstaaten sollen Euro verlassen"

AfD-Chef: Wollen nicht zurück zur D-Mark

 

Nach massiven Proteste in Frankreich

Hollande unterzeichnet Gesetz zur Homo-Ehe

 
 

Wohnungssicherung als Wahlkampfthema

CDU will Steuernachlass für Einbruchschutz fördern

Top-Services
 
Jetzt Fan werden!

Werden Sie jetzt Facebook-Fan von RP ONLINE und verpassen Sie keine News mehr.

Jetzt Facebook-Fan werden von RP ONLINE