Benedikts Strafpredigt
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 22.03.2010 - 02:30In seinem Hirtenbrief an die Skandal-geschüttelte Kirche in Irland geißelt Papst Benedikt XVI. "sündhafte, kriminelle, bestürzende" Taten. Im Namen der gesamten katholischen Kirche bekundet der Petrus-Nachfolger Scham und Reue.
Vatikanstadt Dieser Papst, so heißt es über Joseph Ratzinger, neige zu einer eher pessimistischen Sicht auf den Gang der weltlichen Dinge. An seinem Namenstag, dem Hochfest des Heiligen Joseph am 19. März, das dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche nach alter katholischer Sitte ungleich wichtiger ist als der eigene Geburtstag, wird sich Benedikts Stimmung eher noch mehr verdüstert haben. Um das auszudrücken, erhob er mit einer bisher nicht gekannten Härte und Klarheit seine Stimme zu einer Strafpredigt und zu einem ungewöhnlichen gesamtkirchlichen Schuld- und Reuebekenntnis wegen der "sündhaften, kriminellen" und ihn "bestürzenden Taten".
Der Hirtenbrief des Papstes war zuallererst an die durch eine Serie schier unglaublich erscheinender Fälle sexuellen Missbrauchs und Züchtigungs-Gewalt zu Lasten Minderjähriger in der irischen Kirche gerichtet. Indes, als Benedikt XVI. gestern Mittag beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom ganz generell über Schuld und Sühne sprach und einen Weg der Umkehr und Erneuerung forderte, war nicht allein der irische Klerus gemeint, sondern auch derjenige in Josephs Ratzingers deutscher Heimat. Originalton Benedikt XVI.: "Lernen wir, unnachgiebig mit der Sünde zu sein – angefangen mit unserer eigenen – aber nachsichtig mit den Menschen."
"Nachsichtig mit den Menschen" – das heißt nicht, dass es dem Papst etwa zuerst um Barmherzigkeit mit den Schuldigen ginge. Ihnen schreibt er in seinem gen Irland versandten Hirtenwort: "Erkennt Eure Schuld offen an, unterwerft Euch den Forderungen des Rechts, aber verzweifelt nicht an Gottes Gnade." Der Papst fährt fort, und an dieser Stelle lässt seine Strafpredigt an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig: "An Priester und Ordensleute, die Kinder missbraucht haben – Ihr habt das Vertrauen verraten, das junge unschuldige Menschen und ihre Familien in Euch gesetzt haben. Und ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und den zuständigen Gerichten dafür verantworten." Das heißt so viel wie: Gott ist euer Richter, aber die weltliche Justiz ist es zuvor nicht minder.
Als Oberhaupt der römischen Weltkirche, die sich als Sanctae Romanae Ecclesiae, als Heilige Römische Kirche versteht und gerne überhöht, wendet sich der 265. Nachfolger des Apostel Petrus mit einem großen Mea, genauer: einem Nostra Culpa an Missbrauchsopfer und deren nächste Angehörige: "Ihr habt schmerzlich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das Unrecht ungeschehen machen kann, das Ihr erlitten habt. Euer Vertrauen wurde verraten, und Eure Würde wurde verletzt. Viele von euch haben erfahren, dass keiner zugehört hat, als Ihr den Mut hattet auszusprechen, was Euch passiert ist. Es ist verständlich, dass es Euch schwerfällt, der Kirche zu vergeben oder Euch mit ihr zu versöhnen. In ihrem Namen bekunde ich offen die Scham und die Reue, die wir alle empfinden."
Der Papst, der nach dem Verständnis seiner 2000 Jahre alten Kirche nicht nur Stellvertreter Christi auf Erden ist, sondern auch Bischof von Rom (den Titel Patriarch des Abendlandes hat Benedikt XVI. streichen lassen), wäscht einigen irischen Mitbrüdern im Bischofsamt gehörig den Kopf. So formuliert Benedikt beispielsweise: "Es kann nicht bestritten werden, dass einige von Euch und Euren Vorgängern – manchmal schwer – dabei versagt haben, die lange feststehenden Normen des Kirchenrechts zum Verbrechen des Kindesmissbrauchs anzuwenden. Schwere Fehler wurden bei der Behandlung von Anschuldigungen gemacht." Auch das Wort "Führungsfehler", die gemacht wurden, fehlt nicht. Es seien schwerwiegende Fehler bei der Beurteilung des Problems gemacht worden. Das habe die Leistungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der irischen Kirche ernsthaft untergraben. Der Papst, der in den sechziger Jahren als junger Gelehrter und brillanter, theologisch fortschrittlicher Konzilsberater Aufsehen erregte, schreibt mit kritischem Unterton über eine Fehlinterpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Benedikt: "Es gab eine gut gemeinte, aber fehl geleitete Tendenz, den Weg der Bestrafung bei kirchenrechtlich normwidrigem Verhalten zu vermeiden." Im Klartext: Ein Zuviel an Liberalität gegenüber Straftätern in den eigenen Reihen. Zudem habe es eine fehlgeleitete Sorge um das Ansehen der Kirche und das Vermeiden von Skandalen gegeben. Benedikt zieht daraus den Schluss, dass "dringend gehandelt" werden müsse, um "diesen Faktoren" zu begegnen, "die so tragische Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien hatten und das Licht des Evangeliums in einem Maße verdunkelten, wie es nicht einmal Jahrhunderte der Verfolgung vermochten". Auch geißelte Benedikt eine "menschlich, moralisch, intellektuell, geistig" unzureichende Ausbildung in Priesterseminaren und Ordens-Noviziaten.
Internet Der Hirtenbrief des Papstes im deutschen Wortlaut unter www.rp-online.de/panorama
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