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Düsseldorf: Sinnlose Sommerzeit?

VON DÉSIRÉE LINDE - zuletzt aktualisiert: 26.03.2011 - 02:30

Düsseldorf (RP). Mehr Herzinfarkte, mehr Verkehrsunfälle und Menschen, die über Monate um ihren Rhythmus ringen: Heute Nacht werden die Uhren eine Stunde vorgestellt. Gesetzlich verordneter Unsinn, sagen Sommerzeitgegner.

Für den Sommerzeitgegner verhält es sich so: Gesetzlich verordnet, quasi als Machtdemonstration der Staatsoberhäupter, bringen Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt zwei Mal im Jahr kostbare Zeit damit zu, an all ihren Uhren zu drehen. Armbanduhr, Handyuhr, Wanduhren sowie Wecker und die Uhr im Auto – alle müssen umgestellt werden. Und das nur, um abends die Rollläden herunterzulassen, um ungestört vom gleißenden Sonnenlicht die "Tagesschau" zu schauen und später, weil es noch hell ist, keinen Schlaf zu finden. Am Morgen müssen sie im Dunkeln aufstehen und, weil es noch kühl ist, die Heizung anwerfen. Dann, übermüdet um ihren Rhythmus ringend, steigen sie ins Auto und sind damit laut Auto Club Europa (ACE) kurz nach der Umstellung anfälliger für den Sekundenschlaf.

Der Verband hat in den vergangenen fünf Jahren im April stets mehr Unfälle mit Verletzten gezählt als im Vormonat: 2010 waren es 25 751 Unfälle – 21 Prozent mehr als im März. Im Jahr davor betrug der Unterschied sogar 29 Prozent. Denn die Uhren werden stets am letzten März-Wochenende umgestellt. Die Gefahr eines Wildunfalls steigt dann laut ACE zudem, weil der morgendliche Berufsverkehr mit der Dämmerung zusammenfällt, in der vor allem Rehe auf Futtersuche sind. Später, am Arbeitsplatz, kann sich der Sommerzeit-Geplagte nicht konzentrieren, ist müde, gereizt, depressiv, mag nichts essen und kann am Abend wieder nicht einschlafen.

Mediziner, Schlafforscher und Chronobiologen haben diese Symptome bei jedem Zweiten bis Vierten festgestellt. Und schließlich greife der Umstellungs-Geplagte häufiger zu Zigaretten, sagt der Chronobiologe Till Roenneberg. Das, was er als "sozialen Jetlag" bezeichnet, setzt manchem wochen-, zum Teil monatelang zu. Am deutlichsten wirke sich das auf Schulkinder aus. "Für sie sind ein gleichmäßiger Tagesrhythmus und genug Schlaf essentiell. Nach der Umstellung dauert es Wochen, bei vielen sogar Monate, bis sie in den neuen Rhythmus hineinfinden", bestätigt Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW.

Die Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analyse (Forsa) hat für die Deutsche Angestelltenkrankenkasse in einer Erhebung sogar eine weitere Auffälligkeit im Zusammenhang mit der Zeitumstellung bilanziert: Etwa 25 Prozent mehr Menschen als sonst werden in den ersten Tagen danach mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Damit bestätigt das Institut ähnliche Ergebnisse einer schwedischen Studie von 2008. Tatsächlich lehnt der Großteil der Deutschen (63 Prozent) den Wechsel zur Sommerzeit laut einer Befragung der Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung ab. Die Stunde mehr am Sommerabend sollte bei ihrer Einführung 1980, nach der ersten Ölkrise, dafür sorgen, dass weniger Strom verbraucht wird, was die englische Bezeichnung der Sommerzeit "Daylight saving time" (Tageslicht sparende Zeit) gut beschreibt. Doch selbst das Bundesumweltministerium gesteht seit Jahren ein, dass sich diese Hoffnungen nicht bewahrheitet haben. Die Einsparung ist gleich null. Von Vorteilen spricht längst keiner mehr.

Immer wieder fordern Politiker die Abschaffung der Sommerzeit, zuletzt der EU-Parlamentarier Herbert Reul (CDU), Vorsitzender des Industrie- und Energieausschusses. In der Schweiz formiert sich im Parlament Widerstand. Auch hierzulande haben sich Initiativen gegründet. Sie wollen bei der EU eine Petition einreichen. 5000 Unterstützer habe man schon. Irgendwann sollen es so viele sein, dass sie das Uhrumstellen verweigern können und so die Regierungen zum Umdenken bewegen. Selbst das positive Gefühl, das manche haben, dass es mit der Sommerzeit länger hell sei, lassen sie nicht gelten. Rolf Schaden von der "Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit": "Es ist nicht länger hell, sondern früher spät und später kühl."

Quelle: RP


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