Berlin: Malergeselle ins Koma geprügelt
VON JÜRGEN STOCK UND ULRIKE WINTER - zuletzt aktualisiert: 17.02.2011 - 02:30Berlin (RP). Vier Jugendliche haben auf dem U-Bahnhof in Berlin-Lichtenberg einen 30-Jährigen brutal zusammengeschlagen. Der Mann liegt im Koma. Die Täter, einer ist gerade 14, drei sind 17 Jahre alt, wurden mit Hilfe von Überwachungskameras überführt.
Ein brutaler Überfall auf einen 30-Jährigen auf einem U-Bahnhof sorgt in Berlin für Entsetzen. Die Polizei nahm am Dienstag vier Jugendliche unter dringendem Tatverdacht fest. Sie sollen den Mann am Freitagabend auf dem U-Bahnhof Lichtenberg lebensgefährlich verletzt und beraubt haben. Die Polizei kam ihnen durch Bilder einer Überwachungskamera auf die Spur. Der Zustand des Opfers ist äußerst kritisch.
Was war am Freitagabend geschehen? Die beiden Malergesellen sind auf dem Weg nach Hause, als sie von vier Jugendlichen angegriffen werden. Einer der Handwerker kann leicht verletzt flüchten, der andere versucht, sich in den nahe gelegenen U-Bahnhof in Berlin-Lichtenberg zu retten. Doch die vier folgen ihm. Sie schubsen den Mann die Treppe hinunter, wie die Aufnahmen der Überwachungskameras der Berliner Verkehrsbetriebe zeigen. Sie schlagen ihm ins Gesicht, treten auf ihn ein. Als der Mann schon sichtlich benommen an einer Säule lehnt, nimmt einer der vier Angreifer noch einmal Anlauf, rennt auf den 30-Jährigen zu, springt ab und versetzt seinem Opfer einen letzten Tritt. Der Mann geht zu Boden. Der Angreifer greift sich das Handy des Opfers, das er regungslos am Bahnsteig zurücklässt. Der 30-Jährige liegt im Koma. Sollte er überleben, dann nur mit schweren gesundheitlichen Folgeschäden, sagte Staatsanwalt Martin Steltner gestern.
Fünf Tage nach der brutalen Prügelattacke haben vier Jugendliche jetzt die Tat gestanden, bestätigte Steltner. Die vier, einer ist 14, drei sind 17 Jahre alt, hätten angegeben, sie hätten den 30-Jährigen "nicht töten" wollen. Behauptungen, sie seien durch ausländerfeindliche Parolen provoziert worden – alle vier stammen aus Zuwandererfamilien – hätten sich nicht erhärten lassen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie sich ihre Opfer zufällig ausgesucht hätten. Sie beantragte Haftbefehle wegen versuchten Raubmordes und gefährlicher Körperverletzung. Der Haftrichter gab diesem Antrag statt. Den Jugendlichen drohen bis zu zehn Jahre Jugendhaft.
Die vier aus Kenia, Albanien, Kosovo und dem Irak stammenden Lichtenberger waren mit Hilfe der Überwachungskameras ausfindig gemacht worden. Beamte der Operativen Gruppe Jugendgewalt hatten einen 17-Jährigen erkannt, der vorher an einer Präventationsmaßnahme teilgenommen hatte. Er wurde in einer Lichtenberger Schule festgenommen, wie wenig später auch der 14-Jährige und zwei weitere 17-Jährige. Alle vier waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft bis dahin "in einer Art schulischem Betrieb eingebunden und im Wesentlichen unbelastet" gewesen. Später hieß es jedoch, im Zusammenhang mit dem Überfall könnten eventuell noch weitere ungeklärte Fälle zu Tage treten.
Ermittlungen könnten möglicherweise auch gegen Zeugen des Überfalls eingeleitet werden – wegen unterlassener Hilfeleistung. "Das wird geprüft", sagte Martin Steltner. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass mehrere Menschen – ihre Zahl liege "im einstelligen Bereich" – die Attacke beobachtet haben. Bisher konnte jedoch nur ein Zeuge vernommen werden, trotz öffentlichen Zeugenaufrufes. Auch dass nach dem Überfall nur ein eingehender Notruf verzeichnet wurde, sei "in der Tat merkwürdig", sagte Steltner. Nicht bestätigen wollte der Staatsanwalt, dass gegen Zeugen ermittelt werde, die dem zu Boden geprügelten Opfer noch die Jacke gestohlen hätten, ehe sie die Rettungskräfte alarmiert hätten. "Wir gehen davon aus, dass einer der Jugendlichen die Jacke gestohlen hat", so Steltner.
Der Fall sei erst Tage nach der Attacke publik gemacht worden, weil sich der Zustand des schwer verletzten 30-Jährigen noch einmal deutlich verschlechtert hatte, sagte Steltner. Zudem habe man sich erst dann zu dem Zeugenaufruf entschlossen, teilte die Staatsanwaltschaft mit.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zeigte sich erschüttert über das Ausmaß an Brutalität. Nach den Worten der Landespräventionsbeauftragten der Berliner Polizei sei die Jugendgewalt seit 2009 zahlenmäßig zurückgegangen, aber "gleichzeitig werden die einzelnen Vorfälle immer brutaler". 70 bis 80 Prozent der von Jugendlichen begangenen Gewaltdelikte gingen von Zuwanderern aus.
Vor diesem Hintergrund forderte der Berliner Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, die konsequente Bestrafung der Täter. Vor allem Kinder aus Zuwandererfamilien würden zur Gewalt erzogen, da ihnen durch die Eltern "Zuschlagen als Lösungsoption für Konflikte" vermittelt würde. Ferner dürfe der Staat die Opferhilfe nicht auf Vereine wie den Weißen Ring abwälzen, sondern müsse Opfer von Gewalttaten besser beraten und ihnen finanziell helfen.
Internet: Das Überwachungsvideo unter www.rp-online.de/panorama
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