: Doktorarbeit: Adolf Hitler hatte Angst vorm Zahnarzt

VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 10.12.2009 - 02:30

Menevse Deprem-Hennen ist eine bemerkenswerte Frau. Die 39-jährige Mutter zweier Kinder stammt aus Südost-Anatolien. In Krefeld führt sie eine Zahnarztpraxis. Sie spricht akzentfrei Deutsch, obwohl sie erst nach Abschluss ihres Studiums in Ankara nach Deutschland kam. Ihren Doktortitel hat sie mit einer historischen Arbeit über Hitlers Leibzahnarzt Johannes Blaschke erworben. Der zählte in den 30er und 40er Jahren zahlreiche Nazi-Größen zu seinen Patienten. Titel des gerade erschienenen Buches über Blaschke: "Dentist des Teufels".

Die Schrift hat für Aufsehen gesorgt, weil Deprem-Hennen auf Praxisbucheinträge und Patientendaten zurückgreifen konnte, die nach dem Krieg als verschollen galten. Jeder, der etwas über den Zahnstatus Hitlers wusste, stand nach dem Krieg im Mittelpunkt der Interessen der Siegermächte. Von Hitlers verbrannter Leiche waren Teile des Kieferknochens erhalten geblieben. Der Generalmajor der Waffen-SS, Blaschke, der bis kurz vor Kriegsende im Berliner Führerbunker ausgeharrt hatte,war in die Gefangenschaft der Amerikaner geraten und hatte dort die Zähne von Hitlers verkohlter Leiche identifiziert. Das Gleiche machte Blaschkes Sprechstundenhilfe Käthe Heusermann in Berlin für den russischen Geheimdienst. "Danach", berichtet Deprem-Hennen, "verschwand sie für zehn Jahre in einem sowjetischen Lager." Die Dokumente mit Hitlers medizinischen Unterlagen waren angeblich verbrannt, als eines der letzten Flugzeuge, die das belagerte Berlin Ende April 1945 verlassen konnten, abgeschossen wurde.

Trotzdem blieben Schriftstücke über die Nazi-Größen aus Blaschkes Praxis erhalten. Fedor Bruck, ein jüdischer Zahnarzt, der den Krieg versteckt in Berlin überlebte und nach der Verhaftung Blaschkes dessen Praxis übernahm, fand die Unterlagen wohl, ehe die Russen die Räume durchsuchen konnten.

1947 wanderte Bruck in die USA aus. Blaschke, der in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen unter anderem wegen seines sehr frühen Beitritts in die NSDAP und seiner hohen Ränge in der SS drei Jahre in einem Internierungslager saß und später begnadigt wurde, ließ sich in Nürnberg als Zahnarzt nieder. Die Akten aus seiner Praxis gingen in den Besitz von Brucks Sohn, Wolfgang Lutze, über, der später als Jurist in der Staatskanzlei in Düsseldorf arbeitete. Dorthin hatte es auch die junge kurdische Zahnärztin verschlagen, die gerade auf der Suche nach einem Promotionsthema war. "Lutze erzählte mir von den Unterlagen und fragte, ob das nicht etwas für mich wäre." Deprem-Hennen zeigte die Akten dem Inhaber des Lehrstuhls für Medizingeschichte an der Universität Düsseldorf, Hans Schadewaldt. Der Professor war begeistert, zögerte aber zunächst, das Promotionsvorhaben anzunehmen. "Er dachte wohl an die gefälschten Hitler-Tagebücher, deren angebliche Echtheit der britische Historiker Hugh Trevor Roper bestätigt hatte", berichtet die Krefelderin.

Auch ihr war in ihrer Haut nicht ganz wohl: Würde sie als türkische Kurdin nicht angreifbar sein, wenn sie ausgerechnet über die Nazizeit schreibt? Und würden die Historiker sie, die gelernte Zahnärztin, ernstnehmen? Sechs Jahre lang arbeitete sie die Praxisdokumente auf. Ihr gelang es sogar, die noch lebende zweite Ehefrau Blaschkes ausfindig zu machen, die ihr Teile eines Vernehmungsprotokolls aus den Nürnberger Prozessen überließ. "Daraus geht klar hervor, dass Blaschke stolz auf seine Rolle als Leibzahnarzt Hitlers war, weil das ja seine medizinischen Fertigkeiten bewies", sagt Deprem-Hennen.

Die NS-Größen waren keine einfachen Patienten: "Hitler war so schmerzempfindlich, dass Blaschke einmal eine Wurzelbehandlung über acht Sitzungen strecken musste, damit Hitler den Eingriff nicht zu sehr spürte. Göring schrie schon, bevor es wehtat. Außerdem mussten für ihn Prothesen noch am selben Tag eingesetzt werden, weil er keinen Tag ohne Zähne herumlaufen wollte."

Besonders aber faszinierte Deprem-Hennen die Gestalt Blaschkes selbst: "Er ist eine zwiespältige Figur: Zum einen wusste er, woher das Zahngold von jüdischen KZ-Häftlingen stammte, mit dem er die SS ausstattete, zum anderen trug er den gelähmten jüdischen Vermieter seiner Villa in Bombennächten in den Bunker."

Quelle: Rheinische Post


 
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