Monheim: Der Rebell gegen die CO-Pipeline
VON JÖRG JANSSEN UND ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 28.05.2011 - 02:30Monheim (RP). Ihre Klage bringt einen Weltkonzern in Verlegenheit: Heinz-Josef Muhr und seine Frau Helga haben die Inbetriebnahme der umstrittenen CO-Pipeline von Bayer vorerst verhindert. Ein Besuch auf dem Neuverser Hof.
Im Wohnzimmer von Helga und Heinz-Josef Muhr ist es gemütlich. Auf dem alten weißen Klavier stehen Fotos von den Enkelkindern, die Möbel sind schwer, in einer Nische steht eine große geschnitzte Madonna aus Oberammergau. Am Montagmorgen werden die Muhrs sie mit nach draußen nehmen, ab 6 Uhr zieht die traditionelle Bittprozession vor Christi Himmelfahrt über die Baumberger Felder, um 7 Uhr ist Gottesdienst auf dem Hof. Die Muhrs sind weder Revoluzzer noch Wut-Bürger. Sie sind ein nettes, freundliches Ehepaar. Dem Bayer-Konzern ist es gelungen, sie sich systematisch zu Gegnern zu machen.
Auf einer Demo war Heinz-Josef Muhr noch nie, seit Jahrzehnten gehört der katholische Landwirt der CDU an. "Mehr passiv, aber schon aus Überzeugung", sagt der Katholik. Und lange gab es gute persönliche Beziehungen. In Muhrs Jagdzimmer hängen auch Trophäen von gemeinsamen Jagden in Bayer-Revieren. "Die kapitalen Böcke waren natürlich für die Direktoren", erzählt der 77-Jährige, die seien auch einfacher zu schießen. Er hat sich auf die geduldige Jagd nach kleinem Wild spezialisiert.
Dass der Konzern eine Pipeline-Trasse über sein Land bauen wollte, war für Muhr anfangs nicht außergewöhnlich. Auch die A 59 wurde über sein Land gebaut. In den damaligen Verhandlungen lernte der Landwirt viel. Drei Jahrzehnte war er Aufsichtsrat der örtlichen Volks- und Raiffeisenbank. Muhr ist ein Mann, mit dem man vernünftig reden kann. Bayer gelang das nicht. "Ich wollte mit denen über eine geringfügige Verschiebung der Leitungstrasse sprechen, doch die haben nicht einmal richtig zugehört", erzählt er. "Wie die Junker" hätten sie sich aufgeführt.
Früher sei Bayer eine Art gute Mutter gewesen. Ein Beschützer, der ganze Familien – manchmal über Generationen – ernährte. "Der Umgang war nahbar und menschlich", sagt Muhr. Doch das sei irgendwie anders geworden. "Die haben mir klar gemacht: Wenn ich nicht so will, wie die wollen, dann wird mein Grund und Boden eben enteignet. Fertig." Hochmut, habe er damals geantwortet, kommt vor dem Fall.
Seit vier Jahren kämpfen der Baumberger und seine Frau nun gegen den Welt-Konzern Bayer, der in Sichtweite des Wohnzimmers mit dem weißen Klavier, den Enkelkinder-Fotos und der Madonna in der Nische seine umstrittene Kohlenmonoxid(CO-)Pipeline über das Land der Muhrs verlegt hat. Die beiden klagten genauso wie die Langenfelder Brüder Heinz und Claus Schiefer gegen die Röhre, die eines Tages das hochgiftige und explosive Gas über 67 Kilometer von Dormagen nach Uerdingen transportieren soll.
Bislang mit Erfolg. In dieser Woche verbot das Verwaltungsgericht Düsseldorf die Inbetriebnahme der Leitung, in die der Konzern Millionen investiert hat. Ein Etappensieg. Noch nichts Endgültiges. "Aber wir sind froh, denn wir haben Angst vor dem Gas", sagt Helga Muhr. Anfangs ging es den Muhrs um ihr Land. Dann erinnerte sich Heinz-Josef Muhr an den Hof seiner Eltern, auf dem es einen 15 Meter tiefen Brunnen gab: "Wenn da einer runter musste, haben wir wegen des Kohlenmonoxids immer erst eine Stall-Laterne herunter gelassen. Und wenn die ausging, wurde erst einmal Luft mit dem Konpressor nach unten gepumpt."
Die Muhrs kämpfen jetzt gegen ein Rohr voll mit lebensgefährlichem Gas. Und dabei sind sie gelassen geworden. "Am Anfang haben mich die meisten für verrückt erklärt, aber jetzt ist die Unterstützung im Kampf gegen die Pipeline riesengroß. Es ist ein bisschen wie in einer Familie", sagt Muhr. Aus diesem Miteinander in der Region sind die kühlen Planer des Konzerns ausgestiegen. Muhr kennt sein Land. Am meisten habe ihn beim Bau der Trasse erschüttert, dass ohne Kampfmittel-Prüfung mit den Arbeiten begonnen worden sei, wo doch praktisch auf jedem Acker in der Region gefährliche Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg liegen. "Die", sagt Muhr, "haben in Kauf genommen, dass dem Mann auf dem Bagger etwas zustoßen kann." Vielleicht war das der Punkt, an dem die Muhrs endgültig beschlossen, die Sache bis zum Ende auszufechten. Muhr, der seit vielen Jahren mit Herzproblemen zu tun hat, will unterstützt von seiner Frau und seinem Anwalt Jochen Heide vor das Oberverwaltungsgericht in Münster ziehen. "Wir haben eine gute Chance zu verhindern, dass dieses gefährliche Gas eines Tages Menschenleben gefährdet", sagt er.
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