Düsseldorf: Assauers bewegender Auftritt
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 04.02.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). In der ZDF-Sendung "Volle Kanne" erzählt der Ex-Schalke-Manager von den Folgen seiner Erkrankung. Er wirkt unsicher, sucht nach Worten. Seine Tochter Bettina begrüßt den schwierigen Schritt an die Öffentlichkeit.
Äußerlich wirkt er unverändert, ist vielleicht etwas grauer geworden. Aber Rudi Assauer, der einst Wortgewaltige, ringt in der ZDF-Sendung "Volle Kanne" um jeden Satz. Der erste öffentliche Auftritt des ehemaligen Schalke-Managers nach der Bekanntgabe seiner Alzheimer-Erkrankung belegt auf erschütternde Weise den Titel seiner Autobiographie: "Wie ausgewechselt". Es gehe ihm gut, betont Assauer zwar gleich zu Anfang, aber bereits im nächsten Satz verliert er den Faden, verhaspelt sich. "Die Platte ist leer", sagt er später und meint sein Gedächtnis. Der 67-Jährige lacht kaum, seine Antworten sind knapp, oft vage, selten pointiert – das Gespräch dokumentiert vor allem die Hilflosigkeit im Umgang mit der tückischen Krankheit.
Dabei hat Assauer Menschen, die ihn unterstützen, im Alltag wie bei seinem TV-Interview. Sportjournalist und Freund Werner Hansch, seine Sekretärin Sabine Söldner, vor allem aber seine Tochter Bettina (46). In deren Hertener Wohnung ist Assauer mittlerweile eingezogen, weil es alleine nicht mehr geht. Man habe sich nach schwierigen Jahren wieder zusammengerauft. "Herr und Frau Schnittenfittich" nennen sich die beiden in typisch rauer Ruhrpott-Herzlichkeit. Die Tochter versichert, dass es kein Kraftakt sei, den kranken Vater zu betreuen, sagt aber, dass sie ihn eine Zeitlang nicht wiedererkannt habe, weil er sich zeitweilig so verändert hatte. Diese Veränderung der Persönlichkeit schildern alle, auch Hansch, der mit Assauer gemeinsam auf der Bühne stand. "Eines Abends habe ich zu ihm gesagt, mit deinem Kopf stimmt etwas nicht", sagt Hansch. "Da bekam er einen fast krampfartigen Weinanfall und sagte ,Ich weiß es doch'."
Wie schlimm dieser Selbstverlust für Assauer ist, lässt sich nur ahnen. "Mit anderen Leuten zu sprechen, ist nicht so einfach", sagt er lakonisch. Oft vergesse er Namen, das ärgere ihn. Ein paar Minuten später passiert es ihm in der Sendung, als er zum Bau der Schalke-Arena einen Freund erwähnen will. Bei der Frage nach Assauers größtem Spiel souffliert Moderator Ingo Nommsen: "der Uefa-Pokal."
"Ein Riesending", sagt der Ex-Manager. Meist hört er nur zu, mischt sich nicht ein, vertraut den Menschen, die ihm helfen. Für ihn habe von Anfang an festgestanden, die Krankheit öffentlich zu machen. Dazu, dass der Zeitpunkt nun mit der Buch-Veröffentlichung zusammenfällt, sagt Assauers Sekretärin Sabine Söldner: "Wenn schon, dann richtig. Bei einer Pressekonferenz hätten wir nicht alles unter Kontrolle gehabt."
Der Münchner Medienexperte Josef Hackforth findet Assauers Entscheidung, sich zu offenbaren, zwar mutig und konsequent. "Er hat immer die Öffentlichkeit gesucht", so Hackforth. "Allerdings wird man auch den Verdacht nicht ganz los, dass die Auflage des Buches gesteigert werden soll – vor allem, wenn Assauer in weiteren Talkshows auftaucht." Aber ist das verwerflich? Gibt es Tabus im Umgang mit einem Alzheimer-Kranken? Wie geht man damit um? ZDF-Moderator Nommsen etwa ist um Normalität bemüht, plaudert bemüht munter drauflos. Beim WDR diskutiert man noch. Dort liefert Fritz Ekenga im Radio jeden Mittwoch (U-Punkt, WDR 2, 10.50 Uhr) seine Parodie "Fußballmanager A.", die mit den Worten endet: "Viertelstunde nachdenken. Das schaffst du schon. Glück auf!" Noch sei, so Ekengas Büro, nicht entschieden, ob und wie es mit der Comedy-Nummer weitergehe.
Für Assauers Tochter fällt mit der Medienoffensive die Sorge weg, ihren Vater schützen zu müssen, sagt sie. "Es ist jetzt einfacher, er kann sich freier bewegen." Gerade diese Freiheit sei wichtig, um gegen die Krankheit anzugehen, sagt Assauers Arzt, der Essener Demenz-Spezialist Hans Georg Nehen. In der Therapie brachte er den 67-Jährigen mit Weggefährten wie Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann zusammen, um verschüttete Erinnerungen freizulegen. "Eine gute Geschichte, hat Spaß gemacht", so Assauer. Er sei sensibler geworden, sagt Tochter Bettina über ihren Vater, der als Macho galt und in einigen Filmszenen gebeugt schlurft wie ein alter Mann. Am Zigarrerauchen aber hält er fest, fünf Stück am Tag. Und daran, ins Stadion zu gehen. "Auch das macht Spaß", sagt er und lässt kurz ein längst verloren geglaubtes Lächeln aufblitzen, "vor allem, wenn man gewinnt."
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