Afghanistan traumatisiert Soldaten
VON GABY HERZOG - zuletzt aktualisiert: 02.02.2009Rund 6400 Soldaten sind derzeit für die Bundeswehr im Auslandseinsatz. Dabei bringen sie nicht nur Leib und Leben in Gefahr. Der Dienst belastet auch die Seele. Der ARD-Film "Willkommen zu Hause" erzählt die Geschichte eines traumatisierten Soldaten.
Hamburg. Als Zeitsoldat Ben Winter aus Afghanistan zurückkommt, scheint alles in Ordnung. Seine Freundin hat ein Grillfest organisiert – mit Bier, Steaks und dummen Sprüchen von den Kumpels. Doch schnell wird klar: Etwas stimmt nicht. Beim Geruch von verbranntem Fleisch und beim Zerspringen von Glas dreht Ben durch. Bilder eines Selbstmordattentats tauchen vor seinem geistigen Auge auf, versetzen ihn in Panik. Es dauert lange, bis Ben erkennt, dass er traumatisiert ist und professionelle Hilfe braucht, um seine seelischen Wunden zu heilen.
Ben Winter, gespielt von Ken Duken (29), ist die Hauptfigur in dem Spielfilm "Willkommen zu Hause". Exemplarisch beleuchtet er das Schicksal von rund 150 deutschen Soldaten, die jedes Jahr nach einem Auslandseinsatz mit einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach Deutschland zurückkommen. Sie haben Attentate erlebt, wurden Opfer von Entführung und Gewalt, haben Massengräber, verstümmelte oder tote Kameraden gesehen.
Zum ersten Mal befasst sich das deutsche Fernsehen in fiktionaler Form mit dem Thema Heimkehrer. Dabei beteiligt sich die Bundeswehr seit Anfang der 1990er Jahre an internationalen Missionen. "Wir Deutsche haben aufgrund unserer Geschichte eine schwierige Beziehung zum Militär," sagt Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt (65). Viele wollen mit dem Thema nichts zu tun haben. Und, so Pfannenschmidt: Zudem würden Kriegsheimkehrer hier nicht als Helden gefeiert, sondern als Trottel betrachtet, die dumm genug sind, ihren Kopf hinzuhalten.
Karl-Heinz Biesold (58) ist Bundeswehrarzt und kümmert sich um traumatisierte Soldaten. "Ein Trauma bricht erst aus, wenn die Anspannung von dem Menschen abfällt", sagt er. Selbst dann wollen viele Betroffene das Trauma verdrängen. Biesold schätzt, dass mehr als die Hälfte aller Traumaopfer unregistriert bleibt.
Gerade die Verdrängung führt zu Spannungen in der Familie oder zu Problemen im Beruf. Immer wieder platzen die seelischen Narben auf. Biesold: "Wenn der Mensch einem Geräusch oder einem Geruch wie etwa dem von verbranntem Fleisch wieder begegnet, kommen die Bilder des Grauens hoch." Der Körper reagiert dann wie in der Gefahrensituation. Herzrasen. Schweißausbrüche. Eine Art Kriegssituation im Kopf. "Flashbacks" nennen Ärzte solche Situationen, die Auslöser sind die so genannten "Trigger".
In der Therapie lernen die Soldaten, sich vom Geschehenen zu distanzieren. Danach müssen sie sich ihren Ängsten stellen, das Erlebte aktiv verarbeiten. Dennoch ist ein Drittel der Patienten nicht mehr in der Lage, den Soldatenberuf auszuüben. In den USA gibt es bis heute 250 000 Veteranen, die an PTBS leiden und nicht mehr eingegliedert werden können. Die Zahl der traumatisierten Soldaten steigt auch in Deutschland immer mehr an – weil die Anschläge in Afghanistan zunehmen und weil es für viele Soldaten bereits der dritte oder vierte Auslandseinsatz ist. Erst die Erfahrungen der ethnischen Säuberungen im Kosovo, dann hungernde Kinder im Somalia und anschließend die ständige Angst in Kundus – irgendwann ist das zu viel.
"Willkommen zu Hause", ARD, 20.15 Uhr
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