Düsseldorf: 25 Jahre Rudi-Carrell-Skandal
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 15.02.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). Am 15. Februar 1987 ließ der holländische Entertainer in seiner Satiresendung "Rudis Tagesshow" einen Film laufen, in dem Ajatollah Khomeini mit Damenunterwäsche beworfen wurde. Folge: eine schwere diplomatische Krise.
Es war der Abend, an dem der lustige Holländer eine internationale Krise auslöste. Am 15. Februar 1987 saßen Millionen Deutsche zu vorgerückter Stunde vor dem Fernseher, als Rudi Carrell in seiner Satiresendung "Rudis Tagesshow" eine Meldung zum achten Jahrestag der iranischen Revolution verlas. Dazu lief eine Filmmontage, die suggerierte, Ajatollah Khomeini sei wie ein Popstar von begeisterten weiblichen Anhängern mit Dessous beworfen worden. Nur 14 Sekunden dauerte die zusammengeschnippelte Satire. Doch kaum war Carrell vom Bildschirm, da brach die Hölle los.
Beim verantwortlichen Sender klingelte das Telefon. Mohammed Djavad Salari, der sonst so umgängliche Botschafter der Iranischen Republik in Bonn, schäumte vor Wut. Carrell, so empörte sich der Diplomat, habe soeben den Ajatollah Khomeini zutiefst beleidigt – die religiösen Gefühle "nicht nur des iranischen Volkes, sondern von Muslimen in aller Welt" seien auf das Schändlichste verletzt worden.
Das Ungeheuerliche konnte nicht ungesühnt bleiben: Am folgenden Morgen machten die Iraner ihre Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt dicht. "Iran Air" strich alle Verbindungen nach Deutschland. Tags darauf wurden zwei deutsche Diplomaten in Teheran zu unerwünschten Personen erklärt. Vor der Botschaft skandierten iranische Studenten Hassparolen gegen Deutschland. Der iranische Religionsminister verfügte die Schließung des Goethe-Instituts. "Wir waren den Mullahs schon lange ein Dorn im Auge", so der damalige Leiter der deutschen Kultureinrichtung, Stephan Nobbe. Vom Ende seines Instituts erfuhr er aus dem Staatsfernsehen. In Bonn verlangte Botschafter Salari derweil eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung. Doch Genschers Staatsminister Jürgen Möllemann durfte die Wirkung des verunglückten Carrell-Gags lediglich bedauern. Die Bundesregierung habe "wegen der bestehenden Pressefreiheit keine Möglichkeit, auf derartige Sendungen Einfluss zu nehmen", beschied das Auswärtige Amt dem Botschafter.
Hinter den Kulissen bereitete der völlig ausufernde Schlüpfer-Streit den Diplomaten hingegen allergrößte Sorgen. Im Libanon hielt damals die schiitische Hisbollah-Miliz die beiden deutschen Manager Alfred Schmidt und Rudolf Cordes als Geiseln fest. Alle Freilassungsbemühungen der Bundesregierung liefen über den Iran. Die Sache ging am Ende glimpflich aus – auch für Entertainer Carrell. Der hatte Morddrohungen erhalten, kam unter Polizeischutz und verstand die Welt nicht mehr. "Es war die schlimmste Woche meines Lebens", erinnerte er sich später. "Ich möchte mich beim iranischen Volk entschuldigen", meldete er sich kleinlaut. "Jeder macht mal Fehler."
Irgendwann verebbte dann die Aufregung. Im Gegensatz zum Streit um die Mohammed-Karikaturen 2005 gab es keine Attentate und keine Toten. Aber die Affäre wirkt bis heute nach. Als das Bonner Haus der Geschichte 2010 eine Ausstellung zum Thema "Was darf Satire" plante, da mochte Radio Bremen den Mitschnitt der Carrell-Sendung nicht herausgeben. Die Museumsleute umgingen die Zensur pfiffig: Sie zeigten einen Tagesschau-Bericht über die Auswirkungen von Carrells Schlüpfer-Gag.
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