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"Wir brauchen mehr Kirchen-Events"

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 06.09.2010 - 02:30

Interview Der 46-jährige Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck über Großereignisse als Möglichkeit zur Evangelisierung der Massen, die Notwendigkeit des Zölibats und die weitere Verwendung geschlossener Gotteshäuser.

Essen Er ist der vierte Bischof des 1958 gegründeten Ruhrbistums. Er ist nach Kardinal Hengsbach der zweite Bischof, der aus dem Ruhrgebiet stammt (nämlich aus Marl), und zugleich der jüngste Bischof in Deutschland: Franz-Josef Overbeck, der auf einen spirituellen Aufbruch setzt, der als konservativ gilt und – als Spross einer uralten westfälischen Familie mit eigener Kornbrennerei – mit einem "Dickschädel" ausgestattet sein soll. Als ein prägendes persönliches Erlebnis in jungen Jahren bezeichnet Overbeck selbst die Überwindung einer Krebserkrankung.

Sie waren Deutschlands jüngster Weihbischof in Ihrer Münsteraner Zeit. Sie sind jetzt mit 46 Jahren Deutschlands jüngster Bischof, der ein Bistum leitet. Sie haben an der katholischen Kaderschmiede in Rom, der Gregoriana, studiert und haben beste Kontakte zum Vatikan. Wären Sie in der Wirtschaft tätig, man müsste Sie als Top Dog bezeichnen.

Overbeck Ich denke nicht in diesen Kategorien. Mein bisheriger Lebensweg als Priester hat dazu geführt, dass mir mehr und mehr Verantwortung übertragen wurde. Ich habe diese Aufgaben stets gerne übernommen.

Sind Sie ehrgeizig?

Overbeck Ich bin ein Mensch mit klaren Zielen und verfolge diese Ziele dann auch entschieden.

Seit der Gründung des Ruhrbistums 1958 hat sich die Zahl der Katholiken um ein Drittel verringert und liegt jetzt bei rund 900 000. Wie wird Ihr Bistum in 15 Jahren aussehen?

Overbeck Nach unseren Prognosen gehen wir davon aus, dass die Zahl der Katholiken im besten Fall auf 800 000 zurückgehen wird. Ich gehe aber davon aus, dass die Zahl der Katholiken im Ruhrbistum dann nur noch bei 700 000 liegen wird.

Welche Atmosphäre herrscht dann im Bistum?

Overbeck Beim Priestertag zu Beginn meiner Amtszeit habe ich es so formuliert: Die größte Herausforderung besteht darin, sich der Gegenwart zu stellen. Das bedeutet, in einem großen Spagat zwischen den Prägungen der eigenen Herkunft, den Wünschen derer, die das Bisherige mit großer Treue mittragen, und denen, die auf neue Weise Kirche sind, zu leben. So werden wir Kirche im Volk mit volkskirchlichen Elementen sein. Wir werden eine Kirche sein, die bei den Sonntagsgottesdiensten nur noch von einem kleinen Teil der Menschen getragen wird, aber von einer großen Zahl Sympathisanten. Wie viele Kirchen wir dann noch haben werden, hängt ganz einfach ab von den Menschen, die noch zum Beten und Gottesdienstfeiern dorthin kommen.

Sie sprechen nur noch von einer Kirche mit volkskirchlichen Elementen. Eine Volkskirche haben wir nicht mehr?

Overbeck Die Volkskirche beschreibt einen historischen Zustand, der einzigartig gewesen ist und der sich von den 20er bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erstreckte. Da galt: ein Glaube, ein Gott, ein Papst, ein Bischof und ein Pastor – und für die Vergebung der Sünden gab es den Beichtstuhl. Es war eine Zeit, in der man selbstverständlich Christ war. Eine solche Einheit ist völlig aufgelöst in einer globalen Welt.

Im Bistum müssen 100 von 350 Kirchen geschlossen werden. Keines der geschlossenen Häuser soll nach Ihrem Willen Moschee werden. Warum?

Overbeck Das entspricht einem gemeinsamen Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz. Wir müssen sicher auch auf die Befindlichkeiten der Christen Rücksicht nehmen, die bislang in diesen Kirchen Gottesdienst gefeiert haben. Aber auch die Muslime scheinen dieser Ansicht zu sein, denn sie haben bislang nicht das Ansinnen gehabt, eine Kirche zu einer Moschee zu machen. Bei allen Gemeinsamkeiten wissen beide Religionen, dass es sich um unterschiedliche Glaubensüberzeugungen handelt.

Sie sprechen zum Erstaunen vieler von einer notwendigen "Eventisierung" von Kirche. Was meinen Sie mit dem Wort, das stark nach Zeitgeist riecht?

Overbeck Wir müssen neu lernen, dass wir viele Sympathisanten und suchende Menschen vor allem durch Großereignisse erreichen können. Das kann auch segensreich sein, und das müssen wir positiv aufgreifen. Wenn wir diesen Begriff aus seiner Oberflächlichkeit lösen und keine Spaßveranstaltung meinen, dann ist der Begriff als Weg zur Evangelisierung richtig.

Ein anderes Problem der katholischen Kirche in Deutschland ist der dramatische Priestermangel. Im Ruhrbistum sind 2009 zwei Priester geweiht worden, in diesem Jahr nur einer. Muss man auch vor diesem Hintergrund neu über den Pflichtzölibat nachdenken?

Overbeck Mir scheint die derzeitige Debatte zu oberflächlich geführt zu werden. Ich bin der strikten Überzeugung, dass die Neugestaltung der Kirche aus geistigen und inhaltlichen Quellen kommen muss. Und diese Quellen haben wesentlich mit dem Motiv zu tun, warum es sowohl den Zölibat wie auch die katholische sakramentale Ehe gibt. Dass wir zu Gott finden, wird im Zölibat wie in der Ehe sichtbar durch die Verfügbarkeit auf andere hin. Dahinter steht ein hoher geistlicher Anspruch. Daher gehöre ich zu den strikten Verfechtern des Zölibats, und ich werde auch nicht müde, das zu betonen.

Würde ein Wahlzölibat das Priesteramt grundlegend verändern?

Overbeck Die Lebensweise des Alltags verändert den Menschen immer grundlegend. Es ist etwas existenziell anderes, ob ein Mann wie ich um Gottes willen zölibatär lebt und damit seine ganze Existenz daraufhin ausrichtet, oder ob jemand das tut in Verbindung mit der Ehe und gleichzeitig eine Gemeinschaft mit der Familie lebt. In Krisenzeiten wie diesen, in denen der Relativismus noch zunimmt, würde ich mich in einer so grundlegenden Frage nie für eine Veränderung entscheiden.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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