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Theater mit neuem Gewicht

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 05.06.2010 - 02:30

Roland Schimmelpfennig bekommt den Dramatikerpreis 2010 der Mülheimer Theatertage. Die Konkurrenz beim wichtigsten Festival für zeitgenössische Dramatik war stark in diesem Jahr: relevante Themen, sprachliche Artistik, formale Finesse zeichnen aktuelle Werke aus.

Mülheim/ Ruhr Die Geschichte beginnt mit Schmerzen. Ein junger Chinese hat schreckliches Zahnweh. Doch er ist illegal in Deutschland, kann zu keinem Arzt, darum überlässt er die Therapie den anderen Asiaten in der Schnellküche, in der er schuftet. Die greifen zur Rohrzange. Keine gute Idee. Der junge Chinese verblutet. Derweil geht es in den Stockwerken über dem Restaurant um die Nöte legaler Bewohner, um ungewollte Schwangerschaften, das Altwerden, das Verlassenwerden – und Motive aus allen Episoden wandern kunstvoll zwischen den Etagen.

Wenn es Dramatikern gelingt, den brisanten Themen ihrer Gegenwart packende Geschichten abzuringen, die in Sprache und Form Eigensinn entfalten, dann ist Theater auf der Höhe der Zeit. Roland Schimmelpfennig ist das in seinem Drama "Der goldene Drache" gelungen. Denn das Stück handelt nicht nur von den Zumutungen der Globalisierung, von Ausbeutung, ohnmächtigen Einwanderern, Zwangsprostitution. Es ist zugleich ein raffiniertes Sprachwerk, in dem sieben Darsteller in 17 Rollen schlüpfen. Und ein poetischer Text dazu, denn die Handlung ist durchwirkt von einer Tierfabel, in der das Geschehen märchenhaft verschlüsselt ist.

Für dieses Kunststück hat Schimmelpfennig jetzt bei den Mülheimer Theatertagen den mit 15 000 Euro dotierten Dramatikerpreis bekommen. Knapp siegte er mit drei zu zwei Jury-Stimmen über Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns". Auch so ein Stück, das Gegenwart betrachtet. Das seiner Zeit sogar voraus war. Denn die Jelinek nahm einen kleineren Bankenskandal in Österreich zum Anlass, über Geld, Gier und das Nichts zu schreiben. Und lieferte so noch vor der Wirtschaftskrise den Text zu einer Systemerschütterung, die erst noch kommen sollte.

Es geht wieder um was in deutschsprachigen Uraufführungen. Das haben die Mülheimer Theatertage gezeigt. Und obwohl zeitgenössische Dramatiker sich mit Migration und Kapitalismuskritik, mit der Lebensangst und Sinnsuche fundamental irritierter Menschen beschäftigen, fabrizieren sie kein Thesentheater oder biederen Bühnenrealismus, sondern Stücke, in denen man Dringlichkeit spürt. Und Leben. Stücke, die dazu klugen Formwillen verraten, anspruchsvolle Künstlichkeit. Und Stücke, in denen Sprache so artistisch behandelt wird, dass sie es verdienen, auf der Bühne gesprochen zu werden.

Das war in Mülheim in thematisch eng gefassten Stücken zu erleben. Etwa in Kathrin Rögglas kunstvoll konjunktivischer Reflexion zum Fall Natascha Kampusch. Oder in der Vater-Sohn-Theatersatire des einzigen Mülheim-Debütanten Nis-Momme Stockmann. Doch es gab auch große Tableaus. Die mutigen Versuche, Gesellschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen, Kräfte zu zeigen, die auf den Einzelnen wirken. Nach Jahren postmoderner Erschöpfung, wenn es um Gesellschaftskritik und Wahrheitssuche ging, wirkt das vermessen und beglückend zugleich. Wenn bald wieder über Theaterschließungen diskutiert wird, sollte man sich der Tage in Mülheim erinnern.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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