Tàpies malte gegen den Ungeist
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 08.02.2012 - 02:30Die Kunstwelt betrauert den Tod eines Giganten der Nachkriegs-Avantgarde: Der spanische Maler Antoni Tàpies, der auch mit seinem Protest gegen die Franco-Diktatur Aufsehen erregt hatte, ist 88-jährig in Barcelona gestorben.
Barcelona/Düsseldorf Das "Große Diptychon mit Linien" von 1988 überwältigt den Betrachter schon durch seine schiere Größe: Sechs Meter breit und zweieinhalb Meter hoch, lädt es zu einer Entdeckungsreise ein. Die beiden Holztafeln enthalten auf stumpfem, in wörtlichem Sinne sandigem Grund Buchstaben, Zahlen und andere Zeichen – wie eine Hausfassade, auf der die Zeiten Spuren hinterlassen haben. Links oben verleiht ein nach rechts gekipptes T, ein schwarzer Anker dem Bild eine Wucht, der die linke Seite des Werks nur zaghaft etwas entgegensetzt.
Das "Große Diptychon" zählt zu den eindrucksvollsten Besitztümern der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW. Und sein Schöpfer, der jetzt 88-jährig verstorbene Katalane Antoni Tàpies, gilt als einer der Großen aus der europäischen Avantgarde der Nachkriegszeit.
Werner Schmalenbach (1920–2010), Gründungsdirektor der Kunstsammlung NRW, erkannte in Tàpies' materialreichen Bildern die Prozesse des Zerfalls, des Zerbröckelns und Sterbens. "Das Rätsel", so stellte er fest, "wird nicht enträtselt, sondern gemalt." Die Kreuze, die Tàpies' Werk durchziehen, galten Schmalenbach nicht als christliche Zeichen, sondern sie erinnerten ihn an die steinzeitliche Malerei in der Höhle von Altamira. Rückwärtsgewandte Träume in fortschrittlicher, nahezu ungegenständlicher Form – so begriff Schmalenbach seinen Tàpies.
Man könnte einen Vergleich mit dem amerikanischen Maler Cy Twombly (1928–2011) anfügen. Auch er streute in seine Bilder grafische Kürzel der Vergangenheit. Doch anders als der in die Vorgeschichte abtauchende Tàpies drang Twombly nur bis zur Antike vor. Tàpies seinerseits streifte auf seinem Weg in die vorgeschichtliche Vergangenheit die alten Griechen und Römer. Jenes T im "Großen Diptychon" ist als Kreuz des heiligen Antonius gedeutet worden, als Zeichen der Vollendung, des Wegs der Erkenntnis, als Symbol des Christentums. Mehrfach hat sich Tàpies auch zur Lehre des Zen bekannt. "Ich glaube, dass der Beitrag des Orients nicht nur für meine Kunst, sondern auch für die Entwicklung der gesamten westlichen Kultur entscheidend war", äußerte er in einem Interview.
Ungegenständliche Künstler gelten meist als reine Ästheten, vielleicht noch als Philosophen, nicht aber als politische Köpfe. Bei Tàpies war das anders. Er nutzte seine Kunst auch als Mittel des Protests gegen die Franco-Diktatur in seinem Heimatland (1939–1975), wurde deshalb sogar verhaftet. Schmalenbach deutete Tàpies' Position als eine des Geistes gegen den Ungeist der damaligen Machthaber.
Antoni Tàpies hatte sich das Künstlertum selbst beigebracht. Beeindruckt durch die Werke Max Ernsts, Paul Klees und seines Landsmanns Joan Miró ließ er sich zunächst vom Surrealismus locken. Zu einem anderen Katalanen, Salvador Dalí, hielt er Distanz. "Künstler wie er", sagte er, "malen doch wie Schüler."
Selbst seiner eigenen Spielart des Surrealismus traute er bald nicht mehr. Seine reifsten Leistungen wuchsen auf dem Feld des Informel, der nicht an Figuren und Gegenstände gebundenen Kunst, wie sie das "Große Diptychon" verkörpert.
Schon früh erwarb Tàpies außerhalb seiner Heimat Ansehen: 1952, als 29-Jähriger, auf der Kunst-Biennale von Venedig, 1965 dann in einer von der Düsseldorfer Galerie Schmela arrangierten Ausstellung mit dem Titel "Weiss-Weiss", 1959, 1964, 1968 und 1977 bei den "documenta"-Ausstellungen in Kassel und – noch in bester Erinnerung – 1989 in der Kunstsammlung NRW. An "Weiss-Weiss" beteiligten sich ebenso Joseph Beuys, Lucio Fontana, Yves Klein, Jean Tinguely und Günther Uecker.
Spanien hat seinen einstigen Regime-Kritiker längst zur Zierde des demokratischen Staates erhoben und ihm zahlreiche Auszeichnungen verliehen. Obwohl Tàpies seit Jahren gesundheitlich angeschlagen war, arbeitete er bis kurz vor seinem Tod in seinem Atelier. Den Spaniern hat er ebenso wie Picasso bewiesen, dass nicht nur Schriftsteller, sondern auch bildende Künstler als moralische Autoritäten taugen.
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