Südlich der Sahara rafft Aids ganze Dörfer dahin
VON DIRKE KÖPP - zuletzt aktualisiert: 20.05.2010 - 02:30Johannesburg Als Nosipho von ihrem Onkel in das Aids-Therapie- und Beratungszentrum Tumahole bei Johannesburg getragen wurde, wog die Siebenjährige nur noch 14 Kilogramm. Aids und Tuberkulose hatten ihren Körper geschwächt, nur schnelle medizinische Hilfe konnte das Leben des Waisenkindes retten. Im Zentrum der Thabang Society, eine Partnerorganisation des Medikamentenhilfswerks Action Medeor aus Tönisvorst, bekam Nosipho antiretrovirale Medikamente und erholte sich.
Doch die Arznei, mit der das Virus zwar nicht besiegt, aber in Schach gehalten wird, wird sie ihr Leben lang nehmen müssen. "Aids ist in Afrika nach wie vor ein Riesenproblem", sagt Susanne Haacker, von Action Medeor. Laut UN-Aids, der Aidsorganisation der Vereinten Nationen, sind die Länder südlich der Sahara immer noch am stärkesten betroffen von der tödlichen Immunschwächekrankheit: Zwei Drittel aller 33,4 Millionen HIV-Infizierten weltweit, das heißt 22,4 Millionen Menschen, leben in dieser Region, in der ganze Dörfer von Aids dahingerafft werden. Zum Vergleich: In West- und Zentraleuropa sind es 850 000 Infizierte.
Am härtesten betroffen ist Swasiland mit einer Infektionsrate von 26 Prozent bei Erwachsenen. Eine Zahl nahezu jenseits der Vorstellungskraft: Jeder vierte Erwachsene ist HIV-positiv. Das Königreich im Süden Afrikas mit nur einer Million Einwohnern hat damit den traurigen Rekord des Landes mit dem höchsten Infektionsniveau weltweit inne. Das Land mit der höchsten absoluten Zahl ist dagegen Südafrika mit 5,7 Millionen HIV-Infizierten. Das liegt auch daran, dass Aids-Aufklärung am Kap bislang ein trauriges Kapitel war. Der frühere Präsident Thabo Mbeki bezweifelte öffentlich den Zusammenhang zwischen HIV und Aids, und sein Nachfolger Jacob Zuma sorgte für Empörung, als er zum Schutz vor HIV-Infektionen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr zum Duschen riet.
Ein gewaltiges Problem sind die Aids-Waisen. UN-Aids zufolge gab es 2008 mehr als 14 Millionen Kinder in Subsahara-Afrika, die in Folge von Aids ein Elternteil oder sogar Vater und Mutter verloren hatten. Allein in Südafrika gibt es 1,4 Millionen Aids-Waisen, die wie die kleine Nosipho darauf angewiesen sind, dass sich jemand um sie kümmert. Zudem betreffen 91 Prozent der Neuinfektionen Kinder. Im Kongo beispielsweise werden laut UN-Aids jedes Jahr 40 000 Kinder mit einer HIV-Infektion geboren. Nur zwei Prozent der Kongolesinnen haben Zugang zu Arznei, die das Ungeborene schützen würde. Auch für bereits Infizierte ist der Zugang zu antiretroviralen Medikamenten nicht gewährleistet: Laut UN-Aids werden nur 42 Prozent derer, die die Arznei benötigen, behandelt.
"Das ist zwar ein riesiger Fortschritt", sagt Susanne Haacker, "aber es reicht bei weitem nicht." Das Problem sind die Kosten. Action Medeor entwickelt daher in seinem Forschungslabor in Tansania eigene antiretrovirale Substanzen. "Wir stehen kurz vor dem Abschluss. Und sobald es soweit ist, werden wir unser Produktionswissen weitergeben, um dafür zu sorgen, dass die Medikamente in der Breite verfügbar gemacht werden."
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