Rechnitz – was geschah wirklich?
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 12.10.2010 - 02:30Der Eklat, den Elfriede Jelineks "Rechnitz" jetzt in Düsseldorf ausgelöst hat, lenkt die Aufmerksamkeit auf eine der womöglich schaurigsten Episoden der letzten Kriegswochen. In der Nacht auf Palmsonntag, 25. März 1945, sollen Gäste eines "Gefolgschaftsfestes" für SS und NSDAP auf Schloss Rechnitz im Burgenland, etwa 100 Kilometer südlich von Wien, fast 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn ermordet haben – als perverse Unterhaltung. Unter den Mördern soll auch die Schlossherrin gewesen sein: Margit Gräfin Batthyány, damals 33 Jahre alt, geborene Thyssen-Bornemisza, Enkelin des Stahlbarons August Thyssen.
So zumindest rekonstruiert es der britische Journalist und Thyssen-Biograf David Litchfield: Die Juden hätten ihr eigenes Grab schaufeln und sich nackt ausziehen müssen und seien dann von 16 betrunkenen Gästen, darunter Gräfin Margit, erschossen oder erschlagen worden. Doch nicht einmal Litchfield, der immerhin Batthyány als "Killer-Gräfin" titulierte, vermutet hinter Rechnitz Kannibalismus, wie Jelinek ihn andeutet.
Auch Litchfields Version ist allerdings hochumstritten. "Seriöse Beweise fehlen", sagt Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung an der Technischen Universität Berlin. Zweifelhaft seien die "Dimension" des Massakers, die Rolle der Gräfin Batthyány und letztlich sogar der Massenmord selbst. Ein Massaker könne aber durchaus geschehen sein, resümiert Benz. Rechnitz wäre kein Einzelfall: In den letzten Kriegswochen schickten Gestapo und SS tausendfach KZ-Häftlinge auf mörderische Todesmärsche, massakrierten Kriegsgefangene, stellten angebliche Deserteure an die Wand.
Engelbert Kenyeri wiederum, der Rechnitzer Bürgermeister, widerspricht Benz. Dass es ein Massaker gegeben habe, sei unstrittig, sagt der sozialdemokratische Politiker. Mehr noch: "Es hat sich vermutlich nicht um eine spontane Aktion gehandelt." Dass man bis heute das Grab nicht finden konnte, liege nur daran, dass die Skizzen der sowjetischen Soldaten von 1945 falsch seien. Hinter der Frage, ob die Gräfin selbst mordete, sieht freilich auch Kenyeri ein "großes Fragezeichen".
Ein Nachkriegsprozess endete 1948 mit zwei Haftstrafen von fünf und acht Jahren. Margit Gräfin Batthyány, unbehelligt, starb 1989 am Luganer See. Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher wird es, vielleicht doch noch den entscheidenden Hinweis auf ein Grab aufzuspüren. Vor einigen Wochen habe er zuletzt Kontakt mit dem zuständigen Innenministerium gehabt, sagt Kenyeri. Ergebnis: "keine neuen Erkenntnisse".
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum


