Düsseldorf: Neue Buchreihe erklärt TV-Serien wie "The Wire"
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 18.04.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). Es gibt viele Leute, die sagen, der Roman der Gegenwart sei eine DVD-Box, und wer einige der großen amerikanischen Serien gesehen hat, die hierzulande zumeist auf DVD konsumiert werden, mag dem durchaus zustimmen. Nun gibt es endlich Sekundärliteratur zu den visuellen Erzählungen: Der auf Philosophie und Kunsttheorie spezialisierte Diaphanes Verlag aus Zürich hat eine Buchreihe begonnen, die filmästhetische Untersuchungen berühmter Serien liefert. Die ersten Bände sind "The Wire", "West Wing" und den "Sopranos" gewidmet. In ihren besten Momenten bieten sie Gegenwarts- und Gesellschaftsanalyse.
Beginnen sollte man mit Diedrich Diederichsens Lektüre des Mafia-Epos "The Sopranos", dessen Erstausstrahlung 1999 das Genre "Qualitätsserie" mit seiner avancierten Architektur aus Staffeln, Episoden, Plots, Subplots, Bögen und Zugängen begründete. Die "Sopranos" verbinden das Bühnenfernsehen, das klassische Serien zuvor boten, mit kinotauglichen Kamerabewegungen vor abenteuerlicher Außenkulisse. Mit der Darstellung einer fragwürdigen Familienkonstellation reagieren die Macher auf kulturelle und soziale Verschiebungen, und, so Diederichsen, sie liefern dem Publikum mit seinen größeren und hoch auflösenden Endgeräten, mit seinen Heimkinos und Beamern, wonach es verlangt: ausladende Bilder.
Dabei lernten die Produzenten durchaus vom Musikvideo, das bereits in den 80er Jahren "Surrealismus ohne das Unbewusste" praktizierte: Gospelchöre etwa traten in Gerichtsverhandlungen als Verkörperung des Über-Ichs auf. So etwas erweiterte die Möglichkeiten des Erzählens.
Als Höhepunkt zyklischer Bilderzählung gilt allgemein die Polizeiserie "The Wire", deren abschließende fünfte Staffel 2008 in den USA lief. "Journalismus in Serie" nennt Daniel Eschkötter "The Wire" in seinem Buch, die Transkription des Sprechens der anderen. Und eben das sei die einzige Weise, Gegenwart zu Literatur zu machen, denn "Amerika überhaupt findet in Konversation und Disput statt". So liest man diese erhellenden Bände und denkt an den Schriftsteller Gary Shteyngart, der jüngst dieses schrieb: "In 50 Jahren, wenn die Historiker sich fragen, wie Amerika so abstürzen konnte, werden sie sich ,The Wire' mit chinesischen Untertiteln ansehen, dann wissen sie Bescheid."
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