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Wien: Nazi-Studie belastet Wiener Orchester

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 12.03.2013

Wien (RP). 1942 war die Hälfte der Wiener Philharmoniker NSDAP-Mitglied.

An einem Abend im März 1938 setzte sich Joseph Goebbels ans Tagebuch und goss braune Tinte für ein Lamento hinein: "Ich studiere das Musikwesen in Wien. Eine katastrophale Bilanz! Fast nur Juden und Judengenossen!"

Das ist jetzt 75 Jahre her und trifft sich heute mit dem Tag, da Österreich von SS, Wehrmacht und Polizei "angeschlossen" wurde. Natürlich blieben derlei Unglückssätze des Propagandaministers für die Wiener Philharmoniker nicht folgenlos. Wie die Dokumentation von Historikern über die Jahre 1938 bis 1945 des Orchesters jetzt beweist, wurden alsbald 13 jüdische Musiker vertrieben. Drei weitere (pensionierte) Philharmoniker wurden Opfer des Holocausts. Fünf Orchestermusiker wurden bei "rassistischen Säuberungen ermordet". Zwei weitere kamen in Wien bei ihrer Deportation oder Verfolgung ums Leben. Neun Musiker wurden ins Exil vertrieben; keiner kehrte zurück.

Die elf verbliebenen Orchestermitglieder, die mit Jüdinnen verheiratet waren oder als "Halbjuden" stigmatisiert wurden, lebten unter der ständigen Bedrohung des Widerrufs dieser "Sondergenehmigung". Es war der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der sich bei den Nazis für diese Bedrohten einsetzte. Die Demission oder gar den Tod jener jüdischen Musiker konnte auch er nicht verhindern.

Auf unheimliche Weise brachte sich das Orchester damals selbst auf Kurs – oder wurde dazu genötigt. Wie die Kommission aus Oliver Rathkolb, Bernadette Mayrhofer und Fritz Trümpi erklärte, gab es unter den Philharmonikern bald eine ungewöhnlich hohe Anzahl von NSDAP-Mitgliedern: So waren 1942 genau 60 von 123 Musikern Parteimitglied. Dagegen lag der Durchschnitt in Österreichs Bevölkerung bei zehn Prozent.

Der hohe Durchseuchungsgrad der Philharmoniker mit Parteimitgliedern war allerdings nicht nur den Wünschen Goebbels' geschuldet. Schon in der Zeit vor dem "Anschluss" gab es eine im Rahmen der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation Staatsoper (NSBO) sehr aktive "illegale" Zelle. Zeichen ihres Wachstums: Schon vor 1938, als die NSDAP in Österreich noch verboten war, betrug der Anteil der ebenfalls "illegalen" NSDAP-Mitglieder unter den Philharmonikern 20 Prozent.

Nach den Erkenntnissen der Historiker beschäftigte das Orchester einen früheren Nazi und Kollaborateur sogar als Geschäftsführer. Demnach arbeitete das NSDAP-Mitglied Helmut Wobisch als Spitzel für die Gestapo und wurde später Mitglied der SS. 1945 wurde er aus dem Orchester ausgeschlossen, nach dem Krieg wieder eingestellt und zum Geschäftsführer gewählt. Auf diesem Posten war Wobisch von 1954 bis 1968. Er überreichte auch um 1966 dem ehemaligen NS-Statthalter in Wien, Baldur von Schirach, eine Nachfertigung des Ehrenrings der Philharmoniker.

Eine Entnazifizierung habe nie stattgefunden, betonen die Historiker, die ihre Ergebnisse auf der Homepage des Orchesters auflisten. Nur vier Musikern wurde nach 1945 wegen ihrer Vergangenheit gekündigt. So blieb der Sumpf feucht.

www.wienerphilharmoniker.at

Quelle: RP
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