Millionen Afrikaner sind auf der Flucht
VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 20.05.2010 - 02:30Die bevorstehende Fußball-WM in Südafrika wird uns Afrika als lebenslustigen Kontinent präsentieren. In Europa sind wir bisher eher die Bilder des Elends gewohnt: In erbärmlichen Booten zusammengepferchte Menschen, die unter Lebensgefahr aus ihrer Heimat fliehen. Nirgendwo auf der Welt sind so viele Menschen auf der Flucht wie in Afrika.
Europa halten sie für das Paradies auf Erden. Sie haben von ihm geträumt und es verklärt. Der Traum vom besseren Leben anderswo gab ihnen ungeheure Kraft und den Mut der Verzweiflung, ihren Geburtsort, die Familie zu verlassen und sich auf den Weg durch Wüsten und übers Meer zu ihrem Traum zu machen. Afrika ist der Kontinent der Flüchtlinge, wo Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, wegen Krieg, Armut oder Umweltzerstörung. .
Als sie aufbrachen wussten sie nicht, welches Leid, welche Strapazen und welches Elend sie kennenlernen würden. Doch spätestens dann, wenn sie sich in einem Auffanglager auf der italienischen Insel Lampedusa, auf der Mittelmeerinsel Malta oder den spanischen Kanaren wiederfinden, wird ihnen klar: Der Traum von Europa ist zum Alptraum geworden.
Schon ihre Reise durch Afrika war ein Roulette ums schiere Überleben. Eine der berüchtigsten Transitrouten, auf der die Menschen, die Afrika verlassen wollen, führt von Dakar im Senegal über Bamako in Mali, Niamey und Agadez in Niger und später weiter durch die libysche Wüste bis ans Mittelmeer. Auf klapprigen Lastwagen, überladen mit Menschen und der wenigen Habe sind die Trecks das Ziel von Schleppern, korrupten Polizisten, Grenzbeamten oder der Mafia. Frauen landen oft in der Prostitution und müssen das Geld für die Schleuserei "abarbeiten". Banden oder Terroristen rauben den Migranten den spärlichen Rest ihrer Habe. Von anderen verliert sich die Spur im Sandmeer.
Ende April legte in Straßburg das Antifolterkomitee des Europarates einen Bericht vor, der den Italienern vorwarf, mit den afrikanischen Bootsflüchtlingen unwürdig umzugehen. Wie der Delegationsleiter des Antifolterkomitees, Jean-Pierre Restellini, erklärte, die Praxis, Bootsflüchtlinge durch die Küstenwache und die EU-Grenzagentur Frontex auf dem Meer abzufangen und nach Libyen abzuschieben, verstoße gegen humanitäre Grundsätze. Es gehe nicht an, "halbverhungerte Bootsflüchtlinge in dieses Land zu schicken, wo ihnen Folter und schwere Misshandlungen drohen".
2009 hatte Italien rund 850 Bootsflüchtlinge nach Libyen zurückgebracht. Die Experten des Europarates haben die Abschiebezentren in Libyen nicht selbt inspizieren können. Doch sie verweisen in ihrem Bericht auf die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch", die in einem Bericht vom September 2009 die entsetzlichen Zustände dort brandmarkt. Die Flüchtlinge würden dort in Lastwagen eingeschlossen und durch die Wüste zu Abschiebezentren transportiert. "Die Fahrt bei sengender Hitze, ohne Wasser und Nahrung überleben viele von ihnen nicht", heißt es in dem Bericht. Außerdem komme es zu schweren Misshandlungen und Vergewaltigungen durch die libysche Polizei. Seit Mai 2009 gibt es diese Abschiebepraxis. Italiens Ministerpräsident Berlusconi und Libyens Staatschef Gaddafi hatten die Abmachung im Sommer 2008 getroffen. Italien zahlt Libyen dafür in den kommenden 25 Jahren fünf Milliarden Dollar.
Andere Flüchtlingen schaffen es über andere afrikanische Fluchtrouten bis in die Hoheitsgewässer der EU und finden sich am Ende in einem Lager für illegal Eingewanderte auf der Insel Lampedusa oder auf Malta wieder. Auf Monate können sie dort festgehalten werden, während ihre Asylanträge bearbeitet werden, und am Ende steht dann doch die Abschiebung.
Malta erwägt jedoch, aus dem Frontex-Programm auszusteigen. Es will damit gegen die neuen EU-Richtlinien protestieren, wonach jener Staat die Flüchtlinge aufnehmen muss, unter dessen Flagge die Illegalen aufgegriffen wurden. Malta stellte jetzt klar, das Land werde nur dann an weiteren Operationen mitwirken, wenn weitere Belastungen für den Inselstaat ausgeschlossen würden. Die deutsche Organisation Pro Asyl schloss sich dieser Argumentation an. Sie kritisierte die "unsolidarische Flüchtlingspolitik" der EU. Auch Deutschland dränge EU-Staaten mit Außengrenzen wie Malta dazu, die Hauptverantwortung zu übernehmen.
Nahezu alle Experten gehen davon aus, dass sich das Flüchtlingsproblem an Europas Grenzen weiter verschärfen wird. Dabei suchen längst nicht alle afrikanischen Migranten – legal oder illegal – ihr Heil in Europa. Über zwei Drittel aller Migranten aus Ländern südlich der Sahara wandern innerhalb der Region aus. Nur rund 1,5 Prozent kommen nach Europa – bisher.
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