Düsseldorf: Lehrstunde in Lebenskunst: Udo Jürgens in Düsseldorf
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). Und als er nach zwei Stunden das Lied "Ich war noch niemals in New York" sang, musste man sich wundern. Über die bestürzende Wahrhaftigkeit in diesen Texten. Über die Grandezza dieses Mannes, die nicht den geringsten Anflug von Schnöseligkeit hat. Und über seine Fähigkeit, das Begehren und Sehnen der Menschen, von denen er singt, zwischen den einzelnen Tönen zu konservieren – 30 Jahre lang und mehr. Also rannten die Leute an die Bühne, um Blumen zu werfen und Geschenke zu überreichen, und wer lieber am Platz blieb, der erhob sich vom Stuhl: Da vorne stand Udo Jürgens.
Der 77-Jährige spielte in der ausverkauften Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf, und es war ein warmherziger Auftritt, intim geradezu. Jürgens trat in dunklem Dreiteiler auf, das Einstecktuch so rot wie das Innenfutter. Im ersten Teil führte er durch ein Programm aus neuen Stücken, nichts war darin Satire, alles Dokument. Konzerte von Jürgens sind immer auch daseinspraktische Unterweisungen. Da spricht einer, der berühmt ist für Lebenskunst und Schürzenjagd: "Liebe ist das größte und elementarste Gefühl, dessen wir fähig sind", sagte er, und alle applaudierten. Er philosophierte über den Wert des Gegenwinds und des Fehlermachens, und man dachte: Vielleicht sollte man selbst aufhören, stets "wenn" zu denken und "aber".
Jürgens zeigte Ausschnitte aus der Verfilmung seiner Lebensgeschichte "Der Mann mit dem Fagott", und überhaupt merkte man dem Abend eine Tendenz zur biografischen Rundung an. Jürgens war offensichtlich gerührt, als er "Mein Bruder ist ein Maler" sang, das war stillgestellte Wehmut, und nach der Pause legte er den 5000 in der Halle die Röntgenbilder eines gewesenen Deutschlands zu Füßen: "Merci Chérie" (1965), "Mit 66 Jahren" ('77), "Aber bitte mit Sahne" ('76), "Liebe ohne Leiden" ('84), "Vielen Dank für die Blumen" ('81).
Die 22 Musiker des Orchesters Pepe Lienhard standen mit ihm da oben: Er stellte jeden Solisten vor, und als er den Saxophonisten aufrief und ein junger Kerl nach vorne trat, sagte Jürgens: "Das ist Jörg, und fesch ist er auch noch." In diesem Moment wusste man nicht, ob das der Höhepunkt des Abends war oder doch Jürgens' Art, das "R" in dem Wort "schwärmen" zu rollen oder aber seine wunderbare Eigenart, vor Liebesliedern den Zeigefinger an den rechten Nasenflügel zu legen und wissend zu schauen.
Andere Künstler leiden in diesem Alter unter schwindender Ausdruckskraft und wachsender Mitteilungswut. Udo Jürgens setzte sich nach drei Stunden im weißen Bademantel für die Zugaben an den Flügel. Ach ja, das war es: schön.
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