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Kölner Oper zu Gast in Kurdistan

VON REGINE MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 09.03.2011 - 02:30

In der irakischen Stadt Sulaymaniyah führte das Kölner Ensemble Mozarts Türkenoper "Die Entführung aus dem Serail" auf. Die Vorstellung wurde gegen widrigste politische Bedingungen durchgesetzt – und schließlich mit heftigem Applaus belohnt.

Bagdad Sulaymaniyah ist eine erstaunliche Stadt im Fieber des Aufbruchs. Sie liegt im Nordosten des Irak auf 800 Metern Höhe in einem Tal, das umgeben ist von einer archaischen Berglandschaft. Kahl sind diese Berge, seitdem Saddam Hussein sie brandroden ließ, das Klima ist trocken. Bitterkalt sind die Nächte, während tagsüber die Sonne brennt und der Staub wirbelt. Sulaymaniyah gilt als die säkularste Stadt Kurdistans, die explosionsartig wächst. Überall wuchern neue Wohnviertel und hastig errichtete Gewerbebauten, Hotels wachsen in den Himmel, und im Zentrum erinnert ein im Bau befindlicher Hochhausturm an das berühmte Burj Al Arab – Segel von Dubai.

Das liberale Sulaymaniyah besitzt die erste Universität und die erste Frauenschule des Landes. Dort ging auch das erste Theaterstück über die Bühne, und nun kann sich Sulaymaniyah rühmen, auch der Schauplatz der ersten Opernaufführung im Irak gewesen zu sein: Denn die Kölner Oper gastierte dort mit Mozarts Türkenoper "Die Entführung aus dem Serail" im 1600 Plätze fassenden Kunstpalast Telary Honer.

Als der irakische Vizepräsident Mullah Bakhtiyar am 26. November letzten Jahres auf der Premierenfeier im Kölner Palladium die Neuproduktion der "Entführung" in den Irak einlud, schien es eher unwahrscheinlich, dass die Oper drei Monate später tatsächlich mit einer hundertköpfigen Truppe in die Krisenregion aufbrechen würde.

Schlüsselfigur und Drahtzieher des wagemutigen Gastspiels ist jedoch gar nicht Bakhtiyar, sondern der kurdisch-deutsche Schauspieler und Regisseur Ishan Othmann, der Mitinitiator eines Berliner Netzwerks für den kulturellen Wiederaufbau im Irak ist. Ishan Othmann verkörpert in der Kölner Entführung die heikle Sprechrolle des Bassa Selim und spricht seinen Part auf Kurdisch. Regisseur Laufenberg hat die Handlung in die triste Gegenwart verlegt, irgendwo zwischen Berlin-Neukölln und Bagdad und spielt lustvoll und bewusst das politisch Inkorrekte streifend mit westlichen Islam-Klischees. Ein islamisches Land als Aufführungsort einer solchen Produktion hätte sich also auch bei stabiler politischer Lage als heißes Pflaster erweisen können, trotz Mozarts humanistischen Plädoyers für friedliche Koexistenz und Laufenbergs Regie-Kniff mit dem kurdischen Bassa.

Parallel zu den Gastspielvorbereitungen nahmen nun aber die Dinge im arabischen Raum ihren Lauf, und knapp zwei Wochen vor dem Aufbruch des Gastspiels kam es ausgerechnet in Sulaymaniyah zu einem Zwischenfall. Bislang galt die kurdische Region als sicherste im Irak, doch seit Mitte Februar begannen auch dort die Protestmärsche, an deren Rändern es zu mindestens einem Todesfall kam.

Zu diesem Zeitpunkt ließ sich das Gastspiel, das von der Patriotischen Union Kurdistan PUK komplett finanziert worden ist, jedoch nicht mehr aufhalten. Und schließlich reiste die Kölner Oper gegen alle Bedenken letzte Woche in zwei Etappen ins wilde Kurdistan, um unter widrigsten Bedingungen die erste Operaufführung im Irak vorzubereiten. Angesichts der Risiken stellte die Theaterleitung allen Mitwirkenden die Teilnahme am Gastspiel frei, und so setzte sich das Opernteam ausschließlich aus Überzeugungstätern zusammen, die den Zumutungen der Reise mit stoischer Ruhe begegneten.

Vorsicht war allerdings oberstes Gebot in Sulaymaniyah: Sicherheitskräfte bewachten jeden Schritt der Operntruppe, selbst das Zigarettenholen wurde von einer Security-Eskorte begleitet und vor dem Hotel wachten Männer mit geschulterter Maschinenpistole.

Die Kölner Theaterleute kämpften derweil mit den Rahmenbedingungen des Gastspiels: Eine Spielstätte ohne Theaterinfrastruktur, logistische Probleme, Stromausfälle und nicht fehlende Zuständigkeiten. Ein Kulturschock. Doch schnell gewöhnte man sich an die Verhältnisse und lernte die orientalischen Improvisationstalente zu schätzen.

Der Tag der Wahrheit nahte mit der Premiere: Wie würde Mozarts Oper in Laufenbergs Aktualisierung beim kurdischen Publikum ankommen? Die Überraschung hätte größer kaum sein können, denn die Reaktionen übertrafen die kühnsten Hoffnungen: Den größten Beifall heimste die grobe Muslim-Karikatur des Harem-Aufsehers Osmin ein, dessen Streitereien mit dem emanzipierten Blondchen um die Rolle der Frau wurden mit Heiterkeit und Bassa Selims Versöhnungsworte mit Applaus quittiert.

Die humanistische Botschaft kam an. Mozarts Musik dagegen schien so fremd wie das Ritual Oper an sich. Es herrschte Unruhe im Saal, und die Handys blieben eingeschaltet. Geklatscht wurde zunächst gerne mitten in Mozarts Generalpausen. Wundersamerweise änderte sich das im zweiten Teil, plötzlich unterschied man Generalpausen vom Schlussakkord, die Konzentration stieg merklich an und es wurde ruhiger im Saal. So, als würde in Mozarts Musik eine natürliche Autorität wirken, die das fremde Ritual Oper aus sich selbst heraus entstehen lässt. Am Schluss Standing Ovations und großer Jubel. Von wegen Kulturschock.

Quelle: RP


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