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Kent Nagano soll München verlassen

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 03.07.2010 - 02:30

Seit 2006 ist der US-amerikanische Dirigent mit japanischen Wurzeln Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Nun soll der im Jahr 2013 auslaufende Vertrag des in München bei Publikum und Kritikern sehr geschätzten Musikers nicht verlängert werden.

Es gibt eine ganze Schar von Künstlern, bei denen alle Welt zustimmend mit dem Kopf nickt, wird nur der Name genannt. Fragt man dann nach, worin die besonderen Qualitäten des Meisters liegen, erntet man meistens ein verlegenes aah . . . tja . . . also . . . ööööh . . . wie soll ich sagen . . .

Die Qualitäten des Dirigenten Kent Nagano sind nicht leicht zu erklären, aber das liegt nicht daran, dass keine da wären. Er besitzt sie im Übermaß, aber sie taugen nicht für die Galerie. Nagano ist nicht auf Überrumpelungen aus, auf schnelle Effekte, auf Glamour, aufs Tränenpressen. Nagano, der 1951 in Boston geborene US-Amerikaner mit japanischen Wurzeln, ist ein Dirigent mit unberechenbaren und sogar philosophisch unterlegten Neigungen. Er schätzt Gustav Mahler, liebt Olivier Messiaen, kniet sich bei John Adams rein, beeindruckt mit Johannes Brahms.

Sein Repertoire ist überhaupt erstaunlich. 1994 gab er sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York mit Francis Poulencs "Dialogues des Carmelites", einem Stück, das kaum ein Dirigent im Kopf hat. Und wer seinerzeit die Uraufführung von John Adams' Oper "The Death of Klinghoffer" in Brüssel erlebte und zufällig in der ersten Reihe saß, der konnte einen Dirigenten bewundern, der mit zwei Händen zwei Taktarten gleichzeitig schlagen und dabei noch auf die Bühne zu den Sängern lächeln konnte. Neulich war er der musikalische Chef bei Unsuk Chins Oper "Alice in Wonderland". Ein großer Erfolg in München, obwohl: Unsuk wer?

Dieser leise Tausendsassa Nagano ist seit 2006 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München, und obwohl Leute wie er international umworben sind, soll sein Vertrag – glaubt man einem Bericht der Süddeutschen Zeitung – über 2013 hinaus nicht verlängert werden. Wer will da nicht verlängern? Wie man hört, hat sich Naganos Staatsopernintendant Klaus Bachler (der 2008 nach München kam) darüber mit Kunstminister Wolfgang Heubisch verständigt.

Heubisch hat diese Personalie in einem Interview dementiert, aber die Auskünfte von Insidern sind offenbar dermaßen hart, dass es an Beton grenzt. Offenbar soll Heubisch Nagano angeraten haben, die Personalie bald selbst an die Öffentlichkeit zu bringen.

Was steckt dahinter? Es gibt zwei Möglichkeiten. Bachlers Sympathiewerte für Nagano, den er nicht selbst installiert hat, sind begrenzt. Der Steirer Bachler, zuvor Chef des Wiener Burgtheaters, liebt es provokativ, laut, spektakulär. Italienisches mag er in allen Facetten und Zubereitungsformen, Nagano indes ist kein Freund davon; zu Verdi und Puccini hat er noch nicht sehr oft gefunden. Auch in der Art zu führen und zu lenken sind die beiden Chefs völlig verschieden: Bachler ist ein Ärmelaufkrempler, Nagano ist ein Nachdenker. Sein erstes Studienfach, noch vor der Musik, war Soziologie. Und stets schimmert bei ihm fernöstliche Gelassenheit durch, eine Haltung, die dem Entscheidungs-Titan Bachler suspekt ist.

Bachler könnte einfach den Vertrag auslaufen lassen und dann einen eigenen Mann präsentieren. Die andere Möglichkeit ist, dass der FDP-Minister Heubisch sich profilieren möchte und selbst bereits einen Nachfolger für Nagano in der Tasche hat. Am wahrscheinlichsten ist jedoch eine Mischfassung dieser Optionen. Heubisch wird sich mit Bachler beraten haben, und beide haben beschlossen, Nagano nicht zu verlängern. Das wird sich Bachler auch in seinem eigenen Vertragsverlängerungskonvolut ausbedungen haben. Der Deal: Bachler sucht den Nachfolger aus, Heubisch darf ihn bekanntgeben und den Vertrag unterschreiben. Job-Sharing unter Strippenziehern.

Wer bleibt auf der Strecke? Nagano hat sich in München ungewöhnlich engagiert, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es ein offenes Geheimnis, dass das Bayerische Staatsorchester gern zu einem eher deutschen, an alte Traditionen anknüpfenden Musizierstil zurückgeleitet werden möchte; am besten käme Richard Strauss persönlich ans Pult des Hauses am Münchner Max-Joseph-Platz. Für derlei Klangvorlieben ist Nagano nicht zu haben. Musikalisch bevorzugt er Sushi, keine Weißwürste.

Sieben Jahre sind andererseits eine Spanne, die angesichts der immer kürzer werdenden Halbwertzeiten, die es Leute miteinander aushalten, fast biblisch anmutet. Wie man hört, steht Kirill Petrenko (früher Komische Oper Berlin) bereits auf der Matte. Ein Brummer der Branche – und ein Anti-Nagano.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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