Impulse-Theaterfestival: Im Keller des Josef Fritzl
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 07.07.2011 - 02:30Köln Der Vater hat Futter mitgebracht. Im nervösen Licht einer Taschenlampe ist zu erkennen, wie er Ketchup auf einen Burger schmiert, Pommes regnen lässt. "Lecker Essen", sagt der Vater. Die Kinder schlucken es brav. In diesem Verließ ist ihnen schon Schlimmeres zugemutet worden.
Theaterstücke, die sich mit spektakulären Kriminalfällen befassen, stehen immer in der Gefahr des Voyeurismus, des nachgestellten Grusels auf Kosten der Opfer. Zumal, wenn Verbrechen so ungeheuerlich sind wie der Fall des Josef Fritzl, der eine seiner Töchter 24 Jahre in seinem Keller einsperrte, vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte. Die Off-Theatergruppen "Institutet" aus Schweden und "Nya Rampen" aus Finnland zeigen in ihrem gemeinsamen Stück "Conte D'Amour", wie Theater durch seine Eigenart, physisch konkret und zugleich abstrakt zu sein, dieser Gefahr entrinnen kann. Dabei muten die Darsteller ihrem Publikum, das zum Off-Theater-Festival Impulse in die Studiobühnen Köln gekommen ist, einiges zu. Sie spielen drei Stunden in einem kellerartigen Raum. Zum Publikum ist er durch eine weiße Plastikplane verschlossen. Was sich drinnen abspielt, halten zwei Kameras fest. Ihre Bilder werden auf zwei Leinwände über der Bühne übertragen. In diesem Fall ist die Technik mal keine Spielerei. Sie gibt den Zuschauern das Gefühl, etwas Verborgenem, Hermetischem, Verdrängtem beizuwohnen. Angenehm ist das nicht.
In dem Verließ entwickeln die vier Darsteller eine lockere Folge intensiver Szenen, die Themen umspielen wie Abhängigkeit, Machismo, pervertierte Liebe. Da reicht es, dass einer durch den Raum trippelt, die Massagedecke ausbreitet, schon handelt die Szene vom Sextourismus in Thailand. Doch es bleibt nicht beim Naheliegenden. Irgendwann lässt sich ein Darsteller am Drahtseil in den Keller hinab, Dschungel-Gezirpe, der Mann hat Pflaster und Verbände dabei. "Armer kleiner Neger", sagt er, legt einem im Raum einen Kopfverband an, zwingt die anderen, mit afrikanischen Rasseln Musik zu machen. Und schon wieder schlägt Liebe in Repression um, ist Fürsorge nur der Deckmantel für Erniedrigung. Zwischendurch liefern die Schauspieler eigenwillige Interpretationen populärer Liebeslieder. Oder einer zeigt ein irres Solo zum Männlichkeitskult in Fitnessstudios, bis ihm der Schweiß von den Muskeln rinnt, auf die er mit kindischem Lachen deutet. Manchmal stellen die Darsteller auch einfach Sätze wie diesen in den Raum: "Vom Universum aus betrachtet ist diese Geschichte gar nicht so schrecklich."
All das fügt sich zu einer quälenden Choreografie über all die Spielarten der Gewalt, die sich Menschen antun – und Liebe nennen. Der Name Fritzl fällt nicht einmal. An diesem Abend soll nichts auf einen Fall reduziert, einem Monster untergeschoben werden. Das ist das Beunruhigendste.
Info Sa. und So. ist das Stück in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen. www.festivalimpulse.de
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