: Heidegger – der letzte Metaphysiker

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 07.01.2010 - 02:30

Die Welt horchte auf, als der damals berühmteste deutsche Philosoph, Martin Heidegger, sich 1933 zum Nationalsozialismus bekannte. Diese fatale Haltung schien im Werk eines Denkers auf, der dem Wesen des Menschen auf der Spur war. Mit ihm endet eine große Suche – die nach den letzten Gründen des Seins.

Es ist dieses bedenkliche und fatale Emblem, das seinem Namen stets anhaften wird: Martin Heidegger – der "Meister aus Deutschland". Ein philosophischer Meister wie der spätmittelalterliche Mystiker Meister Eckhart? Sicher ist auch das gemeint, das philosophisch so Ehrenhafte wie Achtenswerte. Aber flankiert wird der Titel noch von jener Metapher, die bei Paul Celan in klagender Wiederkehr das berühmte Shoa-Gedicht von 1945 durchzieht – "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" heißt es in seiner "Todesfuge".

Unstrittig ist: Martin Heidegger (1889–1976) war Nationalsozialist. Nicht ohne Stolz trug er das Parteiabzeichen am Revers, und nicht ohne Überzeugung hielt er im Mai 1933 seine berüchtigte Rektoratsrede in Tübingen.

Ihm geht es darin um die Selbstbehauptung der Universität, genauer: um eine Reform der Hochschulen nach dem "Führerprinzip". Im Grunde ist das eine Art zweite Machtergreifung. Denn tatsächlich wird Heidegger – politisch ein durch und durch naiver Mensch – von der wahnwitzigen Idee getrieben, den Nationalsozialismus zu instrumentalisieren: Heidegger sieht sich als geistigen Mentor der braunen Bewegung, Heidegger als Führer des Nazi-Führers.

Das ist weit mehr als nur ein intellektuelles Wächteramt; Heidegger hat in dieser Zeit das Bild des heroischen Philosophen vor Augen. Und die Welt horcht auf, lauscht entsetzt den Worten des damals 43-jährigen Denkers, der mit seinem Fragment gebliebenen Hauptwerk "Sein und Zeit" von 1927 schon längst über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt und berühmt geworden ist.

Das ist das Erschreckende. Bedenklich aber bleibt, dass der Philosoph keineswegs dem Irrsinn verfallen ist. Schließlich kann sein Anbändeln mit den Nazis auch als Ausdruck seines Denkens verstanden werden. Denn "mit der völligen Umwälzung unseres deutschen Daseins" scheint für Heidegger eine weltgeschichtliche Stunde zu schlagen. Er wittert nun die einmalige Chance, Philosophie tätig werden zu lassen, das freie Denken dem Praxistest zu unterziehen. Denn sollte die Philosophie je Wirkung haben, dürfe sie nicht länger nur über die Welt schreiben, sie müsse sich in die Welt und das Leben hineinbegeben. Das ist ein Grenzübertritt der Philosophie. Und ihr ungewöhnlicher Auftrag lautet: Das Denken soll sich der Zeit ermächtigen. Mit Martin Heidegger wird aus dem Abenteuer der Philosophie ein Drama der Philosophie.

Das Vorspiel dazu liefert Friedrich Nietzsche mit seiner Kunde von Gottes Tod. Jene Nachricht ist also nicht neu, doch erst Heidegger zieht daraus die Konsequenz und wagt den Eintritt in diese kalte Arena der Moderne, in der die Kirche ihren Wahrheitsanspruch verloren hat und die Welt ganz und gar weltlich geworden ist. Was aber heißt das, wenn der Himmel auf die Welt gefallen ist, wenn Metaphysik nicht mehr vertikal zu denken ist, sondern plötzlich horizontal? Unter einem sinnentleerten Himmel muss es dann um eine neue Sinnstiftung gehen. Eine Gemeinschaft, die solches wagt, muss eine von metaphysischer Kraft sein. Und Heidegger macht sie im deutschen Volk aus. Hitlers sogenannte Machtergreifung wird in seinen Augen etwas kaum Fassbares – nämlich eine metaphysische Revolution.

Auch wenn er bald aus solchen "Träumen" erwachen wird – nach nur einem Jahr tritt er vom Rektoratsamt zurück und gilt später als unglaubwürdiger Parteigänger, den die Gestapo überwacht –, so bleibt dieser Traum einer "Ermächtigung" doch eine mögliche Folge seines Philosophierens.

Das ist ein Seitenweg seines ungeheuerlichen Denkens, das bereits in seinen Anfängen eine gründliche Inventur vollzieht. Was Martin Heidegger behauptet, ist – einfach gesprochen – dies: Die bisherige Philosophie hat immer nur nach dem höchsten Seienden gefragt, nach Gott; nicht aber nach dem Urgrund und der Quelle des Seins, also nach dem Wesen des Menschen. Heidegger spricht von der "Seinsvergessenheit".

Unser Wesen aber ist schwer zu greifen; auf jeden Fall ist es nichts Überhöhtes, nichts Metaphysisches. Die Existenz ist für ihn ein ganz konkretes, unmittelbares "In-der-Welt-Sein", wie es sich etwa im Sprechen offenbart und in der Grunderfahrung der Angst spiegelt; denn in ihr begegnet der Mensch dem Nichts. Die Angst ist wesentlich, weil vor allem in dieser Befindlichkeit der Mensch nach dem Sinn des Seins fragt.

Die eigentliche Schwierigkeit aber ist der Zugang zu solcher Seinserfahrung. Denn um das Wesen des Menschen zu erkennen, müssen wir uns ihm quasi voraussetzungslos nähern können. Also ohne Wissen, auch ohne Kenntnisse etwa von Psychologie und Biologie.

Heidegger verlangt, den Zugang zur Existenz gründlich freizuschaufeln; er will dem Wirklichen eine Chance geben. Und die zeigt sich nur im Phänomen selbst. Das Denken aber hilft dabei nicht immer weiter. Und so ist es für ihn die Dichtung, die das Wunder der Welt manchmal zu öffnen vermag und das verlorene Göttliche aufschließt. Der erste Hüter dieses Tores ist für Heidegger ein schwäbischer Landsmann, er heißt Friedrich Hölderlin (1770–1843).

Sein Versuch, noch einmal den Schleier des Seins zu heben, ist der letzte der Philosophie. Heidegger markiert das Ende der Metaphysik. Dabei gerät sein Denken zu einer Geheimsprache, in sie scheint sich der Philosoph mehr und mehr zurückzuziehen. Der Kulturhistoriker Rüdiger Safranski hat dafür einmal den Vergleich mit jenen geheimen Ziffern gefunden, die der Harpunier Quiqueg in Melvilles "Moby Dick" als Tätowierungen auf seinem Körper trägt. Auch sie meinen eine Lehre, ein mystisches Traktat – geradewegs auf den Leib geritzt.

Heidegger scheint ebenfalls diese Art der Botschaften hinterlassen zu haben, die heute von Exegeten in einer nur unwesentlich verständlicheren Sprache erkundet und analysiert werden. Ein kurzer Ausschnitt aus seinem Vortrag "Das Ding" mag zumindest einen Eindruck davon vermitteln, dass der Welt seines Denkens auch eine sehr eigene Sprache zugrunde liegt: "Das Spiegel-Spiel der weltenden Welt entringt als das Gering des Ringes die einigen Vier in das eigene Fügsame, das Ringe ihres Wesens. Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Ringes ereignet sich das Dingen des Dinges." Zugänge zu dieser Welt haben allenfalls die Größe von Schlupflöchern.

Nach der gescheiterten Machtübernahme durch die Philosophie und nach dem vollständigen Untergang der scheinbar "mythischen" Nazi-Revolution wird es ruhig um Heidegger. Auch wird dem Seins-Denker nach einem Gutachten seines früheren Lehrers Karl Jaspers 1946 für drei Jahre die Lehrerlaubnis entzogen.

"Sein und Zeit" wird nicht mehr vollendet und bleibt Fragment. Er widmet sich fortan vornehmlich in Aufsätzen und Reden dem Wahnsinn der Zeit, den Zuständen der Gegenwart, ihrer grenzenlosen Technik-Gläubigkeit. Er skizziert furchtlos das Weltbild des neuzeitlichen Menschen, der die Welt zunehmend im Bild begreift und damit schon glaubt, im wahrsten Sinne im Bilde zu sein. Die Vorstellung von einer Welt wird somit fälschlicher- und fatalerweise für ihr Abbild gehalten.

Es gibt noch andere Rückzüge, sehr wörtliche. Nach Meßkirch, wo er 1889 als Sohn eines Küfermeisters geboren wurde und wo er am 28. Mai 1976 im Alter von 86 Jahren beerdigt wird; Rückzüge vor allem in seine einsame Hütte in Todtnauberg im Schwarzwald. Es sind Orte der Meditation, Wege des vielleicht bestürzten Nachdenkens: "Immer wieder geht zuweilen das Denken", schreibt Heidegger, "auf dem Pfad, den der Feldweg durch die Flur zieht. Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Im Unausgesprochenen ihrer Sprache ist, wie der alte Lese- und Lebemeister Eckehardt sagt, Gott erst Gott."

Zum Lebensende obsiegt der andere Meister aus Deutschland, der Mystiker. Der Feldweg, die Kraft der Heimat und das Verständnis des Denkens treten schließlich bei Heidegger in eine enge Verbindung, schreibt Kardinal Lehmann. Die späten Fotos des Philosophen, unterwegs auf seinem Feldweg, werden zu Allegorien seines Denkens.

Wenige Jahre nach dem Krieg nimmt Heidegger wieder Kontakt zu seiner früheren Geliebten auf, zur jüdischen Philosophin Hannah Arendt (1906–1975). Trotz allem Leid, das die Nazi-Verfolgte zu ertragen hatte, wird sie sich später weigern, die Philosophie Heideggers aus seinen Verwicklungen in die Politik des "Dritten Reichs" zu deuten. Nach ihren Erfahrungen mit dem Heideggerschen Denken wünscht sie zudem – und dies mit Hartnäckigkeit –, nicht als Philosophin bezeichnet zu werden. Auch das sind Spuren eines bestürzenden, verführten, abenteuerlichen und dramatischen Werks, für das Hannah Arendt diese Worte gefunden hat: "Der Sturm, der durch das Denken Heideggers zieht – wie der, welcher uns nach Jahrtausenden noch aus dem Werk Platons entgegenweht –, stammt nicht aus dem Jahrhundert. Er kommt aus dem Uralten, und was er hinterlässt, ist ein Vollendetes, das, wie alles Vollendete, heimfällt zum Uralten."

Quelle: Rheinische Post


 
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