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Bochum: Grandios: Tristan und Isolde

VON REGINE MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 29.08.2011 - 02:30

Bochum (RP). Mit der Premiere der Wagner-Oper wurde jetzt die zehnte Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle eröffnet. Bei der gefeierten Inszenierung von Intendant Willy Decker wurde jeder Schritt zum Ereignis, jeder Blick zum Schicksal.

"Handlung in drei Aufzügen" hat Richard Wagner sein Musikdrama "Tristan und Isolde" lapidar listig untertitelt. Das ist streng genommen eine Irreführung, denn während der viereinhalbstündigen Spieldauer geschieht an äußerer Handlung auf der Bühne tatsächlich herzlich wenig. Genauer: Über weite Strecken passiert eigentlich gar nichts, aber wenn, dann geht alles rasend schnell. Dann stürzt Tristan kampflos in das Messer des plötzlich auftauchenden Melot; und im dritten Akt braucht es keine Minute, bevor Kurwenal und Melot tot zu Boden gehen.

Es sind diese Verschiebungen der einander widersprechenden Zeitebenen und die gefühlten Ewigkeiten der Handlungsarmut, die den "Tristan" zum Monstrum machen – zum Rätsel und zum Problem für jeden Regisseur.

Willy Decker ist nun zur Eröffnung der zehnten Ruhrtriennale eine Inszenierung geglückt, die wohl in jeder Hinsicht Maßstäbe setzen wird. Nahezu kompromisslos – sieht man einmal ab von den vereinzelten Videoprojektionen – setzt Decker auf eine Ästhetik der extremen Vereinfachung und Reduktion, auf die Klarheit der Abstraktion und geradezu minimalistisches Spiel. Wolfgang Gussmann hat ihm dafür in der Jahrhunderthalle eine wuchtig breite Bühne gebaut, die den Blicken zunächst verschlossen ist mit einer schwarzen Folie, darunter ein Orchestergraben, davor die ansteigende Zuschauertribüne.

Wäre diese klassische Guckkastenbühne nicht von der majestätischen Weite der Industriehalle umgeben, könnte man von einer normalen Bühnensituation sprechen. Was zunächst fast ein bisschen enttäuscht, wurde man doch bei der Ruhrtriennale spätestens seit David Pountneys Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns "Die Soldaten" an diesem Ort regelmäßig mit spektakulären Raumlösungen überrascht, mit fahrenden Podien, mobilen Orchestern und multimedialer Optik.

Doch nach dem Ende des Vorspiels verschwindet die Folie und der Blick weitet sich in ein schwarzes Nichts: Zwei massive weiße Platten markieren den Bühnenraum, eine davon bildet den Bühnenboden, der den ganzen Abend über gähnend leerbleibt; die andere scheint darüber zu schweben, in der Ferne ein riesiger weißer Himmelskörper.

Die Konstellation dieser drei Elemente bleibt den ganzen Abend über in lautloser Bewegung. Eine unsichtbare Hydraulik sorgt dafür, dass die Platten sich in alle Richtungen verschieben können, kippend kühne Schrägen erzeugen, zur Seite fahren oder sich zu Wänden aufbauen, während der Kugel-Körper zur Projektionsfläche wird. Immer wieder werden neue, atemberaubende Perspektiven sichtbar, weit hinaus in ein heiß-kaltes Weltall, dann wieder verengt der Raum sich zur klaustrophobischen Zelle.

Eine derart radikal abstrahierte Ästhetik könnte freilich leicht in erhabene Langeweile ausarten. Doch in Bochum ist das Gegenteil der Fall, denn Willy Decker gelingt es, seine Darsteller und deren Konstellationen untereinander derart mit Hochspannung und innerer Glut aufzuladen, dass jede der sparsamen Gesten zum Zeichen wird, jeder Schritt zum Ereignis und jeder Blick zum Schicksal.

Die Energie für diese bestürzende Eindringlichkeit flutet aus dem Graben: Schon im Vorspiel riskiert Kirill Petrenko mit den Duisburger Philharmonikern alles und zeigt mit ins Unerträgliche gedehnten Generalpausen an, dass es hier um letzte Dinge gehen wird. Klanglich setzt Petrenko auf höchste Transparenz und strengste Disziplin. Niemals deckt er die Sänger zu, mit denen er hörbar an jeder Phrase gefeilt hat. Bei Petrenko entsteht der Sog nicht aus der Überwältigung durch Klangrausch, sondern aus dem Geist kammermusikalischer Präzision. Grandios.

Die Duisburger Philharmoniker folgen Petrenko auf der Stuhlkante sitzend, spielen mit leuchtendem Ton und zeigen makellose Bläsersoli. Weltklasse die Sänger-Darsteller: Anja Kampe ist eine furiose, stolze Isolde mit strahlenden Höhen und mustergültiger Diktion. Christian Franz' Tristan zeigt Kondition und Durchschlagskraft, Stephen Milling ist ein berührender Marke mit balsamischem Legato, Claudia Mahnke eine glühende Brangäne, Alejandro Marco-Buhrmester ein leidenschaftlicher Kurwenal.

Wie eine riesige Grabplatte senkt sich am Ende die zuvor schwebende Fläche auf die Toten herab und scheint sie tatsächlich zu zermalmen, derweil Isolde auf einem Steg über dem Orchester den Liebestod anstimmt.

Ein sensationelles Schlussbild.

Quelle: RP

 
 
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