Wenn Schulden einen Vater erdrücken
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 20.05.2010 - 02:30Drama "Der Vater meiner Kinder" von Mia Hansen-Løve
Als der Bankrott schon unausweichlich ist, geht Grégoire in sein Büro, schließt die Tür, legt sich auf die Eckbank, krümmt sich in die Kissen, schließt die Augen. Zu lange hat er zugesehen, wie sein Unternehmen in immer größere Schwierigkeiten geriet. Er hat Schulden gemacht, neue Schulden, noch mehr Schulden, um Filme zu finanzieren, die es wert waren, aber zu wenig einbrachten. Und nun steht der forsche, charmante, gebildete Grégoire vor dem Ruin und kann dem nichts entgegensetzen als vollkommene Lähmung, Apathie im hintersten Winkel seiner Firma. Und als er sich dann doch noch einmal aufrafft, verwandelt sich seine Ohnmacht in Gewalt – gegen sich selbst.
Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve erzählt in ihrem zweiten Film "Der Vater meiner Kinder" die Geschichte des französischen Filmproduzenten Humbert Balsan. Der gehörte zu den angesehensten Vertretern seiner Branche, weil sich sein Gespür für wertvolle Filme mit unternehmerischem Wagemut verband. Doch irgendwann war er zu viele Risiken eingegangen, und als der finanzielle Druck zu groß wurde, nahm er sich das Leben.
Natürlich ist eine solche Geschichte Vorlage für ein Melodram. Doch es ist das schöne an Mia Hansen-Løves Film, dass sie die Gesetze dieses Genres unterwandert. Sie treibt die Handlung nicht zu direkt in den tragischen Wendepunkt und begnügt sich auch nicht damit, die Verzweiflung der zurückbleibenden Familie in dunklen Tönen auszumalen. Hansen-Løve nimmt sich Zeit, Grégoires Leben zu beobachten und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Sie zeigt einen Mann, der sich für die Inhalte seiner Filme begeistert, den Allüren seiner Künstler-Regisseure sportlich begegnet, seine drei Töchter mit einer wunderbaren Mischung aus Ernst und Verspieltheit erzieht. Es macht Freude, diese auf sehr französische Weise vornehme, kunstsinnige Bildungsbürgerfamilie zu beobachten – und doch ist das Unheil zu spüren. Wenn Grégoire seine Großzügigkeit bei Geschäftsessen nicht ablegen will, sich lieber in die Drehbücher Unbekannter vertiefte, statt in seine Geschäftsbücher, dann zeichnet sich da ein Verlust an Realitätssinn ab, der beklemmend wirkt.
Mit derselben sensiblen Langmut beschreibt Hansen-Løve dann auch das Leben der Familie nach Grégoires Tod. Und wieder ist man angenehm berührt, dass nun nicht Klischees abgespult werden. Zwar übernimmt die Frau des Produzenten Sylvia die Geschäfte ihres Mannes, aber auch sie schafft nicht alles besser und denkt laut über einen neuen Anfang in ihrem Leben nach. Und auch die Kinder werden nicht nur in ihrem unfassbaren Schrecken und ihrer Trauer gezeigt, sondern auch dabei, wie sie wieder in den Alltag finden, unterschiedliche Wege des Erinnerns einschlagen.
Vielleicht ist der schönste Satz in diesem Film jener, den Sylvie kurz nach dem Tod ihres Mannes sagt. Sein Freitod sei ein kurzer Moment der Schwäche, der Unzurechnungsfähigkeit gewesen. Welche Größe steckt in diesem Gedanken und welche Liebe zu einem Menschen, der sich sein Versagen nicht verzeihen konnte. llll
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