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Wenn der Todesbote vorfährt

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 03.06.2010 - 02:30

Oren Moverman erzählt in seinem Debütfilm von zwei Soldaten, die daheim in den USA den Angehörigen gefallener Kameraden die Todesnachricht überbringen müssen. Der Film ist eine sehr genaue psychologische wie soziale Studie und überzeugt durch grandiose Schauspieler.

Düsseldorf Die Hölle hat er eigentlich hinter sich. Der amerikanische Soldat Will Montgomery hat im Irak gedient und wurde verwundet. Laufen kann er inzwischen wieder einigermaßen, und die Schmerzen im Auge lassen auch nach, da teilt ihm sein Vorgesetzter mit, welche Aufgabe er in seinen letzten Dienstmonaten in der Heimat übernehmen soll: Will soll Bote werden. Zusammen mit einem altgedienten Kollegen soll er den Angehörigen gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringen. Diskret und schnell, noch ehe die Medien von den Toten künden. Und Will ahnt gleich, dass die Hölle erst noch vor ihm liegen könnte.

Einen beeindruckenden Debütfilm legt der in New York lebende israelische Regisseur Oren Moverman mit "The Messenger" vor. Denn die schlichte Geschichte erzählt mehr über den Irakkrieg als manche, selbst Oscar-dekorierte Dramen der vergangenen Monate, in denen der Zuschauer mit Soldaten im Panzer durch Bagdad kurven und den Angstschweiß in ihren Gesichtern aus der Nähe betrachten durfte. Zwar wird in diesen Filmen die Gefahr gezeigt, in die Soldaten an der Front gezwungen werden, doch bleiben solche Nahaufnahmen immer auch Actionabenteuer, die aus der ständigen Todesdrohung und den Grausamkeiten, denen Soldaten im Kampf begegnen, Unterhaltungswert ziehen.

"The Messenger" erzählt vom Leid des Krieges, ohne einen Panzer rollen zu lassen, und ist doch ungeheuer spannend. Wenn die beiden Boten in ihren makellosen Uniformen im Privatwagen durch die Wohnviertel fahren auf der Suche nach Adressen, an denen sie ihre zerstörerische Nachricht platzieren müssen wie Bomben, dann treffen da ziviles Leben und Militär im denkbar härtesten Kontrast aufeinander. Wie unterschiedlich die Angehörigen auf die beiden Todesboten reagieren, das wird mit schmerzender Genauigkeit dargestellt und ist zugleich psychologische wie soziale Studie. Denn Will und sein Kollege klopfen in diversen Milieus an die Haustür, ihre Fahrten sind Reisen durch die amerikanische Gesellschaft.

Moverman gelingt es, im Zuschauer eine Ahnung von der Ohnmacht zu erzeugen, die Menschen empfinden müssen, denen mit brutaler Korrektheit mitgeteilt wird, dass ein Mensch, der Teil ihres Lebens war, nicht zurückkehren wird. Dass er tot ist. Dass die schreckliche Möglichkeit, die über jeder Frontsoldaten-Familie schwebt, ausgerechnet bei ihnen Wirklichkeit geworden ist.

Dabei setzt Moverman nicht auf Effekte, verkleistert diese Szenen nicht mit dramatischer Musik, sondern verlässt sich auf die Leistung seiner hervorragenden Schauspieler. Schrecklich authentisch erlebt der Zuschauer dann etwa, wie eine schwangere junge Frau die beiden Boten in ihr Haus bittet, bald ahnt, was sie zu sagen haben. Doch die Soldaten müssen schweigen, weil sie bei unverheirateten Paaren laut Protokoll nur die Mutter des Toten informieren dürfen. Wie eine furchtbare Wahrheit Gewissheit wird im Gesicht, ja im Körper eines Menschen, das ist schlimm mit anzusehen. Auch, wenn in anderen Szenen die Angehörigen aggressiv reagieren, die Boten bespucken und schlagen, zu sehen ist doch immer ihre Fassungslosigkeit.

Man kann solche Szenen als voyeuristisch empfinden. Doch dieser Spielfilm muss diese intimen Momente zeigen, will er von Opfern des Krieges in der Heimat erzählen. Und Moverman, der in Israel geboren wurde, kennt wohl nur zu gut, was sein Film da zeigt. Doch eigentlich ist diese Haupthandlung noch gar nicht die herausragende Leistung des Films, sondern das Porträt der beiden Soldaten an der Heimatfront.

Weder Will noch sein Vorgesetzter Tony können ihrer schrecklichen Aufgabe im Privaten etwas entgegensetzen. Will lebt in einem Appartement der Armee, in dem sein Dosenbier schon der persönlichste Einrichtungsgegenstand ist. Tony ist ein ehemaliger Trinker, der zur Beruhigung auf Zahnstochern kaut. Angeln gehen, im Pub sitzen, nachts in die Leere starren und auf den Beeper warten, der zum nächsten Botengang ruft – viel mehr bleibt den beiden nicht. Entsprechend rau ist die Freundschaft, die sich zögerlich zwischen ihnen entwickelt. Und als sie die Hochzeit von Wills Ex-Freundin durch unflätiges Benehmen sprengen, versteht man, wie weit sich diese Männer vom zivilen Leben mit all seinen süßen Heucheleien entfernt haben.

"The Messenger" erzählt nicht reißerisch von posttraumatischen Belastungsstörungen. Moverman geht sein Thema viel stiller und umso bedrückender an, indem er die private Ödnis zeigt, in der Männer leben, die Monate im Irak gedient haben. In dieser Darstellung liegt das eigentlich Kritische dieses Films. Er hinterfragt den Irakkrieg an keiner Stelle. Es geht nicht um aktuelle Politik, sondern viel grundsätzlicher darum, was Krieg anrichtet. Tod ist da nur der schlimmste Fall. llll

Quelle: Rheinische Post

 
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