Versuch, eine Mutter zu finden
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 09.02.2012 - 02:30Drama "Der Junge mit dem Fahrrad" von den Gebrüdern Dardenne
Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind mit Filmen bekanntgeworden, in denen die Welt schon rein äußerlich trostlos war: In "Der Sohn" und "Das Kind" dominierten Grün- und Brauntöne, alles vom Pullover bis zur Tapete hatte sich dieser Farb- oder besser: Entfärbungsdramaturgie zu fügen. Inzwischen haben die Dardennes erkannt, dass ein bisschen Rot nicht schaden kann. Knallige Farben gibt es schließlich auch im wahren Leben, und es ist das wahre Leben, das sie einfangen wollen.
Beängstigend echt wirkt ihr Titelheld, der "Junge mit dem Fahrrad". Der 13-jährige Thomas Doret verkörpert einen Jungen, Cyril, der aus einem Kinderheim ausbricht, um seinen Vater zu suchen. Als er ihn endlich findet, wird er verstoßen. Der Vater jobbt als Koch und fühlt sich mit der Erziehung des Jungen überfordert, während die Mutter wie vom Erdboden verschwunden ist. Cyril gibt nicht auf. Irgendjemand muss sich doch seiner annehmen. Als die Friseurin Samantha (Cécile De France) mütterliche Gefühle für ihn entwickelt und sogar ihre Beziehung zu einem Mann opfert, scheint Cyril endlich am Ziel zu sein. Doch ein Junge wie er sehnt sich auch nach gleichaltrigen Freunden. Viel Auswahl hat er in seiner tristen Wohnsiedlung nicht. Die einzigen Freunde, die er findet, sind kriminell.
Thomas Doret spielt mit beängstigender Energie. Wenn er durch die Gegend radelt, ist das kein gewöhnliches Radfahren. Dieser Junge scheint zu explodieren. Im wahren Leben hat Thomas Doret seit dem sechsten Lebensjahr Karate-Unterricht genommen, als Ventil für seine Hyperaktivität. Er bringt Trauer und Wut zum Ausdruck, weckt Beschützerinstinkte und Angstgefühle. Aus ihm kann ein neuer Gérard Dépardieu werden.
Zum ersten Mal haben die Dardenne-Brüder mit einem Star gearbeitet und sollten es nicht bereuen. Die beim deutschen Publikum wenig bekannte Cécile De France hat in ihrer französischen Heimat glamouröse Auftritte absolviert, doch die Provinzschönheit nimmt man ihr sofort ab. Für die einzigen Misstöne sorgt Jérémie Rénier, dessen kopflastiges Method Acting nicht zur Figur des hilflosen Vaters passt.
Der Film liefert wichtige Denkanstöße zum Thema Adoption. In der Realität dürfte Samantha nicht so ohne weiteres – ohne bürokratische Hürden etwa – einen fremden Jungen zu sich nehmen.
Obwohl sie und er es verdient hätten. llll
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