Abschied von Heath Ledger
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 07.01.2010 - 02:30In Terry Gilliams fantastischer Reise ins Unbewusste, "Das Kabinett des Doktor Parnassus", ist Heath Ledger in seiner letzten Rolle zu sehen. Er starb während der Dreharbeiten an einer Tablettenvergiftung. Im Film wird er gleich dreifach ersetzt: durch Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law.
Keine gute Zeit für Gaukler. Der alte Dr. Parnassus und seine Truppe fahren auf einem schäbigen Varieté-Wagen durch London, in einem schwankenden Lumpensammler-Ungetüm, das den Straßenverkehr aufhält. Auch die Show des bärtigen Magiers und seiner Gehilfen passt nicht mehr in die Zeit. Wenn sie hinter dem Supermarkt anhalten, finden die Zuschauer den Hähnchengrill attraktiver. Dabei hat dieses Varieté etwas zu bieten: einen Zauberspiegel, durch den Menschen in ihr Unterbewusstes geschleudert werden, in ihre Fantasien, die sich zu begehbaren Landschaften auswachsen. Doch in der modernen Welt ist kein Bedarf für derlei Abenteuer. Keine Zeit für Märchen, kein Interesse an Träumen, keine Achtung vor Gauklern. Die Realität ist anstrengend genug.
Zum Glück nimmt Terry Gilliam darauf keine Rücksicht. Der britische Regisseur ist der Surrealist unter den Filmemachern, wie er mit "Brazil" oder "Fear and Loathing in Las Vegas" schon bewiesen hat. In seinem neuen Werk "Das Kabinett des Dr. Parnassus" lässt er ungehemmt Traumbilder auf die Leinwand wuchern, treibt seine Geschichte in die Tiefen des Unbewussten und erzählt mit kindlichem Ernst und bitterem Vergnügen ein ziemlich böses Märchen.
Das handelt von einem Magier, väterlich-weise gespielt von Christopher Plummer, der sich vor 1000 Jahren auf eine Wette mit dem Teufel eingelassen hat. Auch bei ihm geht das nicht gut aus: Der Teufel erfüllt dem Magier zwar den ältesten Menschheitstraum und macht ihn unsterblich, dafür muss er seine hübsche Tochter mit dem zoraroten Haar hergeben, sobald sie 16 ist. Zu Beginn des Films steht der Geburtstag kurz bevor, Dr. Parnassus ist verzweifelt, da klopft Tom Waits als Teufel erneut an. Wieder wird gewettet. Diesmal darum, wer als erster fünf Seelen für sich gewinnt. Wieder soll die Tochter der Lohn sein.
Doch diese Märchenhandlung ist nur das grobe Gerüst, über das Gilliam ein schillerndes Netz ausbreitet, gesponnen aus unzähligen Handlungsfäden, die mal diese Figur ins Zentrum rücken, mal jene. Dieser Film ist so irritierend wie ein Spiegelkabinett, es gibt keine Hauptfigur, der Zuschauer wird durch Zeiten und Welten geschleudert, rutscht direkt durch die Hirnwindungen der Figuren hinein in deren Vorstellungen, in Schlaraffenlandgärten mit bunten Riesenlollies und geringelten Zuckerhüten, aber auch in bedrohliche Gegenden mit Himmelsleitern, die unter den Kletternden zusammenbrechen. Gilliam wirft die gute alte Traummaschine an, füttert sie mit den ort-, zeit-, haltlosen Bildern der Surrealisten und stellt an jeder Ecke Spiegel auf, die mal schillerndes Durchgangsmedium sind, dann wieder kühles, unbestechliches Abbild. Das fügt sich alles nicht bruchlos, nicht geschmeidig, ist eher ein großer Scherbenhaufen, in dem es funkelt und glitzert. Ein unverschämter Budenzauber, doch man erliegt ihm schnell.
Das liegt vor allem an den Schauspielern. Dieser Film ist das Vermächtnis von Heath Ledger, der während der Dreharbeiten an einer Tablettenvergiftung starb. Unheimlich nun zu sehen, mit welcher Figur er sich in den Wochen vor seinem Tod beschäftigt hat: Er spielt einen merkwürdigen Fremden, der sich an einer Themse-Brücke das Leben nehmen will. Nur weil die Gaukler zufällig vorbeirumpeln, wird er gerettet und zieht mit ihnen weiter als habe er keine Vergangenheit, in die er heimkehren müsste.
Ledger spielt diese Figur frappierend vielseitig: übermütig, gemein, charmant, aufbrausend, sanft, unberechenbar – er war auf dem Höhepunkt seines Könnens. Und so ist Terry Gilliam zu danken, dass er die Dreharbeiten nach Ledgers Tod nicht abbrach und dieses Material auf immer verschwinden ließ, sondern seine Geschichte so weiterlenkte, dass drei überaus würdige Ersatzmänner Ledgers Werk vollenden konnten: Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law. Sie spielen den geheimnisvollen Tony immer dann, wenn er durch den Zauberspiegel tritt. So verkörpern sie unterschiedliche Facetten seines Charakters, sind böse, ängstlich, verführerisch – und die aus der Not geborene Verdreifachung macht Sinn. Im direkten Star-Vergleich macht wohl Johnny Depp die beste Figur, das Tänzerische, niemals harmlos Verspielte seiner Schauspielerei passt perfekt zur abgründigen Stimmung dieses Films. Der führt am Ende ziemlich bitter vor, was es bedeutet, unsterblich zu sein: unendliche Verdammnis. Doch ist auch das nicht das letzte Wort, weil in einem Spiegelkabinett kein Bild das letzte ist, sondern immer schon wieder Vorlage für das nächste. So könnte auch dieser Film eigentlich immer weiter gehen und gerade, wenn einem dieser Gedanke kommt, ist er doch vorbei.
Ein würdiger Abschied für Heath Ledger, weil er erkennen lässt, was noch alles zu erwarten gewesen wäre von diesem Darsteller. So spiegelt sich sein Bild im Spiel seiner Kollegen. Was für ein Vermächtnis. llll
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