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Die Sixtinische Kapelle hält ewig

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 31.08.2010 - 02:30

Der heute 80-jährige Gianluigi Colalucci leitete von 1980 bis 1994 die damals weltweit beachtete, auch heiß umstrittene Restaurierung der Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle. Heute kümmert er sich um die Restaurierung der Friedhofsanlage in Pisa. Eine Begegnung im Rheinland.

Erkelenz/Vatikan Spricht man Gianluigi Colalucci (80) auf seine Leistungen als Restaurator von Michelangelos Fresken in der weltberühmten Sixtinischen Kapelle des Vatikans an, tritt er gedanklich sogleich einen Schritt zurück. Nicht er ist in diesem Zusammenhang der Star – das hält er unmissverständlich fest –, sondern Michelangelo Buonarroti (1475–1564), der italienische Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter, dem die Decken- und Wandmalereien in der Sixtinischen Kapelle zu verdanken sind, einem der bedeutendsten Meister der italienischen Hochrenaissance.

Wenn Colalucci von den 14 Jahre währenden Restaurierungsarbeiten erzählt, klingt das fast so, als habe er mit seiner Mannschaft lediglich ein paar Hilfsarbeiten erledigt. Und in der Tat: Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum hat Colalucci nirgends nachgebessert. Michelangelos Malerei – das bewundert er – war auch handwerklich so vollkommen, dass keinerlei Farbe aufgetragen werden musste. Die Restaurierung bestand allein im Entfernen des Rußes, den Kerzenrauch in Jahrhunderten an Decken und Wänden hinterlassen hatte. Darüber hinaus tilgten die Restauratoren lediglich das, was frühere Maler über Michelangelos Fresken gepinselt hatten.

Als Colalucci jetzt einen Freund in Erkelenz besuchte und bei dieser Gelegenheit auch dem Neusser Schützenfest einen Besuch abstattete, trafen wir ihn zu einem Gespräch, in dem wir ihn, den einstigen Chefrestaurator des Vatikans, mit der Frage konfrontierten, wann denn die nächste Restaurierung fällig sei. Seine Antwort war wiederum ein Loblied weniger auf die eigene Arbeit als auf den großen Michelangelo: Die Fresken hielten in ihrem jetzigen Zustand ewig. Denn Kerzenruß gebe es ja nicht mehr, und die 12 000 Besucher, die Tag für Tag durch die Sixtinische Kapelle geschleust werden, hinterließen keine schädlichen Spuren, weil die Raumluft alle halbe Stunde ausgetauscht werde. Ein amerikanisches Unternehmen hat diese Klima-Anlage installiert – und gespendet.

Apropos Kosten: Die Restaurierung sei unglaublich teuer gewesen, so hört man immer wieder, und möglich geworden nur dadurch, dass eine japanische Fernsehgesellschaft für eine hohe Summe die exklusiven Rechte an dem von ihr aufgenommenen Filmmaterial erwarb. Colalucci rückt die Dinge zurecht: Teuer sei die Restaurierung schon deshalb nicht gewesen, weil diejenigen, die sie ausführten, allesamt reguläre Gehaltsempfänger des Vatikans waren. Mit den Filmaufnahmen verdiene der Vatikan sogar bis heute Geld, denn jegliche Verbreitung führe ihm Tantiemen in die Kasse. Das Geschäft scheint gut zu laufen, denn nach wie vor wird Colalucci immer wieder darauf angesprochen, dass man ihn kürzlich im Fernsehen gesehen habe: auf einem Gerüst in der Sixtinischen Kapelle.

Ganz ohne Reibereien ist die Restaurierung allerdings nicht verlaufen. Erstens empörten sich damals zahlreiche Zeitgenossen darüber, dass die Farben von Michelangelos Malerei auf einmal poppig wirkten. Zweitens war eine Entscheidung darüber zu treffen, ob historische Übermalungen erhalten oder mitsamt dem Kerzenruß beseitigt werden sollten.

Im ersten Fall brauchte Colalucci lediglich darauf zu verweisen, dass Michelangelo selbst so poppig gemalt hatte. Im zweiten verständigte er sich mit etlichen Fachgelehrten aus aller Welt auf einen Kompromiss.

Das Trienter Konzil von 1564 hatte beschlossen, dass einige der in den Fresken dargestellten Körper verhüllt werden sollten. Denn ein päpstlicher Zeremonienmeister hatte festgestellt, "dass die vielen nackten Körper, die ihre Scham zur Schau stellen, für einen so ehrwürdigen Ort wie die Papstkapelle unschicklich und eher für eine Badestube oder ein Wirtshaus geeignet sind".

Daraufhin war ein ehemaliger Schüler Michelangelos damit beauftragt worden, einige Nackte mit "Unterhosen" auszustatten, was ihm den Spitznamen "Braghetta" (Hosenschlitz) eintrug. Auf diese Weise hatte der damalige Papst Paul III. die Fresken gerettet, denn es stand bereits zur Diskussion, eine Wand mit Malereien einzureißen. Bis zum 19. Jahrhundert folgten weitere Übermalungen.

Bei der Restaurierung wurden Colalucci zufolge mehrere Unterhosen belassen, damit man sich von dem historischen Eingriff auch weiterhin ein Bild machen kann. Die Ursprungsfassung ließ sich nicht nur anhand der verwandten Pigmente rekonstruieren, sondern ebenso mit Hilfe einer zeitgenössischen Kopie der Fresken, die sich in Neapel befindet.

Vor Beginn der Restaurierung hatten Colalucci und sein Team gut ein halbes Jahr lang ausschließlich Proben gemacht, mit welchem Material und in welcher Konzentration man den Fresken zu Leibe rücken dürfe, ohne dass die Pigmente von Michelangelos Malerei Schaden erleiden. Das Ergebnis war die Verwendung von destilliertem Wasser und einer mit Ammoniumkarbonat verdünnten Lösung.

Damit ist der Fall Sixtinische Kapelle für Colalucci erledigt. Im vorigen Jahr begann er mit der Restaurierung von Fresken aus dem 13. Jahrhundert auf dem Friedhof von Pisa. Das wird voraussichtlich noch drei Jahre dauern. Und dann? Colalucci wehrt mit Hinweis auf sein Alter ab. Dabei wirkt er doch so vital, als könne es ihm nichts anhaben, wenn er sich danach noch einmal einem Großprojekt verschriebe – bescheiden im Schatten eines italienischen Meisters von ehedem.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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