Die neuen Kolonialherren kommen aus Asien
VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 19.05.2010 - 02:30Im 19. Jahrhundert beuteten europäische Mächte Afrikas Reichtümer aus. Im 21. Jahrhundert mischen vor allem die boomenden asiatischen Staaten in Afrika mit, allen voran China. Die Volksrepublik hat in Afrika Fuß gefasst, und sie baut ihre Position systematisch aus. Dabei geht es den kommunistischen Machthabern in Peking in erster Linie um die Absicherung ihrer ökonomischen Interessen und weniger darum, den Afrikanern auf die Beine zu helfen. China hat enormen Bedarf an Rohstoffen und Nahrungsmitteln, und es besitzt genügend Devisen, um die Afrikaner mit lockenden Angeboten an seine Seite zu ziehen.
Das Reich der Mitte hat rund 1,3 Milliarden Menschen zu ernähren, das sind rund 400 Millionen mehr, als in den 53 Staaten Afrikas leben. China wird aber kaum in der Lage sein, seine Bevölkerung bei steigendem Lebensstandard ausreichend mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Die Industrieländer-Organisation OECD schätzt, dass in den kommenden 20 Jahren der weltweite Bedarf an Nahrungsmitteln um 50 Prozent zunehmen wird. Deshalb kauft oder pachtet Peking vorsorglich weltweit Ackerbauflächen. Oder es beteiligt sich langfristig am Betrieb von Farmen wie im ostafrikanischen Mosambik. Japan, Saudi-Arabien oder Südkorea tun Ähnliches, und auch US-Investoren haben Fonds für Agrarland in Afrika aufgelegt – deshalb spricht die Welternährungsorganisation FAO bereits von "Neo-Kolonialismus".
Er droht in den betroffenen Staaten Konflikte bis hin zu Gewaltausbrüchen auszulösen, wenn von dort Lebensmittel ausgeführt werden, während im Umfeld der produzierenden Betriebe Hunger und Lebensmittelknappheit herrschen. Wegen Mangelversorgung kam es bereits 2008 auf Madagaskar zu Unruhen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Hintergrund war ein Abkommen mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo, das den Südkoreanern gleich ein Viertel der Ackerfläche Madagaskars überschrieben hätte. Nun liegt der Vertrag erst einmal auf Eis. Nach Angaben der FAO sind in den vergangenen fünf Jahren in Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan 2,4 Millionen Hektar Land an ausländische Investoren abgetreten worden. Im Südsudan hat ein US-Unternehmer gar 400 000 Hektar Ackerland auf 50 Jahre gepachtet. 1,5 Millionen Hektar hat die Regierung für 99 Jahre an Golfstaaten, Ägypten und Südkorea übertragen. Die Bevölkerung hat davon nichts.
Die Palette des chinesischen Engagements in Afrika geht aber über Landwirtschaft weit hinaus. Ein Viertel des Handelsvolumens zwischen der Volksrepublik und Afrika entfällt allein auf Angola – das Land ist neben dem Sudan der Favorit Chinas. Der Grund liegt auf der Hand: Von den Ölfeldern vor der Küste fließen bereits mehr als zwei Millionen Barrel Erdöl in die Volksrepublik – mehr, als China aus Saudi-Arabien erhält. Chinas Banken räumten Angola fünf Milliarden Dollar Kredit ein. Als Gegenleistung müssen 70 Prozent des Baus von Raffinerien, Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, Stadien, Hotels oder Wohnsiedlungen von chinesischen Firmen erbracht werden.
Auch bei Südafrikas Nachbarn Namibia mischen die Chinesen mit – wie schon in den 60er Jahren, als sie den Befreiungskampf der Swapo mit Waffen unterstützten. Am Tag nach der Unabhängigkeit 1990 nahm Peking diplomatische Beziehungen auf. Seitdem fließen Entwicklungsgelder und Kredite. Geschätzt 100 000 Chinesen leben unter den zwei Millionen Namibiern. China überschwemmt das Land mit Billigprodukten, diktiert die Preise und macht so heimische Wirtschaftsstrukturen kaputt.
Dazu kommt: China ist bei der Gewährung seiner Gunst nie pingelig gewesen. Es unterstützt Diktatoren und Menschenrechtsverletzer wie im Sudan oder in Simbabwe. Es unterläuft damit die Bemühungen der Europäer, Hilfen an die Beachtung von Menschenrechten und den Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft zu knüpfen. Doch auch die USA, die EU und neuerdings Russland umwerben vornehmlich jene Länder Afrikas, die über wichtige Rohstoffe verfügen. So hat vor gut einem Jahr Russlands Präsident Dmitri Medwedew in Nigeria, das von bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Niger-Delta erschüttert wird, Milliarden-Investitionen über den russischen Staatskonzern Gazprom in Nigerias Energiewirtschaft angekündigt.
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