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Berlin: Diane Kruger eröffnet die Berlinale

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 02:30

Berlin (RP). Mit einem Kostümfilm, der ein politisches Gleichnis erzählen will, haben die 62. Berliner Filmfestspiele begonnen. Benoit Jacquot zeigt darin eine Marie Antoinette, die nicht begreifen mag, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Gespielt wird sie von Diane Kruger, die auch über den roten Teppich schritt.

Die Königin will jetzt in Modeblättchen blättern. Im seidenen Morgenmantel liegt Marie Antoinette auf den Kissenbergen in ihrem Schlafgemach und lässt sich von ihrer Zofe Modetipps vorlesen. Das steht Diane Kruger natürlich gut, wie sie da mit geröteten Wangen und leicht wirren blonden Locken auf den Kissen ruht, eine Luxusfrau wie aus unseren Tagen. Doch ist diese Königin nicht mehr unbeschwert, das Spiel mit der Verschwendung hat nichts Leichtes. Sie weiß, dass in Paris bereits die Köpfe rollen. Also krallt sie sich an das, was sie hat, rafft später in der Nacht mit den Zofen ihren Schmuck zusammen für die Flucht.

Es ist ein irres Bild, auf das der französische Regisseur Benoit Jacquot seinen Marie-Antoinette- Film "Leb wohl, meine Königin!" zulaufen lässt: Diane Kruger bei flackerndem Kerzenlicht, wie sie sich Perlbänder und Goldspangen über die Arme streift bis zum Ellenbogen. Es ist ein Bild für die Borniertheit der Macht, für die Gier einer Todgeweihten, deren einziger Halt der Reichtum ist.

Mit einem Kostümfilm, der nicht harmlos ist, sondern ein politisches Gleichnis, hat die 62. Berlinale begonnen. Jacquots Blick auf die letzten Tage der Königin hat nichts von der verrückten Verspieltheit, der modisch schrillen Überdrehtheit, mit der Sofia Coppola vor ein paar Jahren ihren Marie-Antoinette-Film wie im Rausch entwarf. Die Zeiten sind ernster geworden. In der arabischen Welt haben Menschen aufbegehrt, erleben gerade die Verwerfungen nach Revolutionen. In solchen Zeiten, so scheint es, kann man sich nicht mit dem frivolen Treiben am Hofe Ludwig XVI. aufhalten, sondern muss sich ansehen, wie Macht und Privilegien Menschen verformen.

Denn das zeigt Benoit Jacquot. Er interessiert sich nicht für die Revolution. Das Volk, die Umstürzler und Aufbegehrer sind nie zu sehen. Jacquot konzentriert sich darauf, einen Hof in Auflösung zu zeigen und zwar strikt aus der Perspektive der jungen königlichen Vorleserin. Diese Untergebene ist gefangen in einem System, deren Teil sie ist, und das sie nur ansatzweise durchschaut. Abgeschnitten von Nachrichten aus Paris versucht sie, ihre Lage einzuschätzen und kann am Ende doch nicht anders, als sich in ihre Rolle fügen.

Mit "Leb wohl, meine Königin!" stellt die Berlinale einen Film an den Anfang, der sich deutlich von den Erzählkonventionen des Hollywood-Kinos unterscheidet. Jacquot geht es nicht um Opulenz, um das Schwelgen in rauschenden Rüschen. Seine Zofe, gespielt von der Französin Léa Seydoux, trägt fast den gesamten Film über dasselbe Kleid. Der Regisseur verfolgt sie mit der wackeligen Handkamera, überträgt ihren begrenzten Überblick auf den Zuschauer. So ist ein eigenwilliger, allerdings auch ein sperriger, langatmiger Film entstanden, der nicht auf Mitgefühl abzielt, sondern einem überkommenen System beim Sterben zusieht.

Der Berlinale steht dieser Auftakt gut. Nicht, weil dies Werk umwerfend wäre, es ist ein spröder Film. Aber er steht für das europäische Autorenkino, erzählt unvorhersehbar, ohne Klischees. Und Léa Seydoux als Vorleserin erinnert zwar stark an Scarlett Johansson, spielt aber versonnener, unschuldiger. Berlin tut gut daran, sich nicht länger zur Einflugschneise großer Hollywoodproduktionen zu erklären, sondern Filme zum Aushängeschild zu machen, die einen eigenen erzählerischen Stil wagen.

Das scheint auch im Sinne des Jury-Vorsitzenden Mike Leigh zu sein. Der Mitbegründer des New British Cinema, der in seinen eigenen Filmen mit tiefer Menschenfreundlichkeit von den Härten des Lebens erzählt, sagte in Berlin, er glaube, dass die Dominanz Hollywoods bröckele. "Die Menschen interessieren sich für das Weltkino, für unabhängige Filmemacher und das ist eine gesunde Entwicklung", so Leigh. Damit brachte er sogar Mitjurorin Charlotte Gainsbourg zum Lächeln, die beim ersten Auftritt der Jury bis dahin mit der für sie so eigentümlichen Entrücktheit ins Nichts geschaut hatte. Gainsbourg gab dann zu Protokoll, dass sie die Filme unvoreingenommen schaue, nicht mal die Unterlagen vorher angesehen habe. Die französische Schauspielerin ist vor kurzem Mutter geworden. "Neun Monate war ich nicht mehr im Kino", sagte sie, "auch darum freue ich mich auf die Berlinale".

Quelle: RP


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