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Duisburg: Carmen und die Glut Bizets

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 17.10.2011 - 02:30

Duisburg (RP). In der Duisburger Rheinoper dirigierte Axel Kober eine musikalisch großartige Premiere von Georges Bizets unverwüstlicher Oper. Exzellente Sänger und die Duisburger Philharmoniker gewährten musikalische Hochkultur. Die Inszenierung von Carlos Wagner fiel dagegen stark ab.

Der Gesundheitsminister warnt: Zigaretten machen abhängig. Fangen Sie erst gar nicht damit an! Im Fall von Bizets "Carmen" möchte man warnen: Frauen, die Zigaretten herstellen, machen ebenfalls abhängig. Lassen Sie die Finger von ihnen!

Dass der spanische Soldat Don José derlei Mahnungen in den Wind schlägt und eine tragische Verbindung mit Fräulein Carmen eingeht, dem freiheitsliebenden Mädchen aus der Zigarettenfabrik, beweist zum einen die Wirkung der weiblichen Droge, zum anderen die Charakterschwäche ihres männlichen Gegenübers. Komponist Georges Bizet sagt aber auch: Don José muss Carmen verfallen, weil ihre Sinnlichkeit in eine laszive Melodik gehüllt ist, die mit den Hüften kreist.

Die Französin Isabelle Druet ist Carmen in der Neuinszenierung im Duisburger Haus der Rheinoper: ein biegsames Weib, das die Haare in den Nacken wirft, priesterinnenhaft schreitet – und gewinnend singt. Ihr Mezzo ist dunkel getönt, nicht übertrieben rauchig, in allen Lagen gut geführt und makellos. Trotzdem ist die Wirkung eher suboptimal, das liegt aber an der atemberaubenden Einfallslosigkeit des Regisseurs Carlos Wagner, der mit Menschen kaum etwas anfangen kann. Seine Carmen besitzt wenig seelische Nuancen, ihr Blick ist monoton (männer-)mordend. Weitere Details aus dem Armenhaus der Regie: Wenn die Zigeunerinnen aus der Fluppenfabrik kommen, sehen sie aus wie Wassernymphen, die am Ende des Betriebsausflugs ermattet, aber immer noch dekorativ am Ufer lagern. Wenn Micaëla dem Don José begegnet, stoßen beide überrascht erst mit dem Popo aneinander. Dümmer geht's nümmer.

Zurück zur Musik, die an diesem Abend ohnehin den Triumph über die Szene davonträgt. Das beginnt mit einer vibrierenden Ouvertüre, in die sich GMD Axel Kober bereits während des Begrüßungsapplauses wirft, als sei solcher Frühstart der Ausdruck musikalischen Überdrucks. Kober leitet aber hinreißend durch den Abend; er trifft die elegante Seite dieser Opéra comique, er erobert die dunklen Zonen, die subversive Glut Bizets. Er ist sich aber auch nicht zu schade, es beizeiten klingeln und rasseln zu lassen. Die Duisburger Philharmoniker sind ihm dabei eine fabelhafte Brigade, die sich mit bemerkenswerter Delikatesse (Bläservorspiel zum dritten Akt) und bisweilen giftigem Züngeln in einem imaginären Sevilla einfindet. Die Präzision ist mitunter bestechend, absolut hochrangig; kleine rhythmische Patzer bei der Synchronisierung von Musik auf der Bühne und im Graben (etwa in der Kastagnetten-Arie) sollte man nicht überbewerten.

Doch handelt es sich wirklich um Spanien? Das arg stimmungsfeindliche, überdunkle Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic mit seinen steilen, kahlen Wänden, zwischen denen das Personal manchen Gruftgedanken nachhängt, ist bei der Definition der Örtlichkeit nicht hilfreich. Der Verweis, die Bildersprache sei an Goya geschult, ist entbehrlich: Eine Bühne funktioniert anders als ein Gemälde. Und die im Original pittoreske Schmugglerszene wirkt hier mit riesigen Kisten, Paletten und Gabelstaplern wie ein Tag in einem Logistik-Unternehmen. Auf einer dieser Kisten steht irgendwann auch der traurige Don José, den Sergej Khomov mit Verve, Draufgängertum und Imponierlust gibt; das gilt alles auch stimmlich. Khomov hat ein paar bitterzarte Unschärfen in der Intonation, imponiert aber mit Strahlkraft und Zuverlässigkeit in der Höhe, der es an Wärme nicht gebricht.

Den größten Erfolg des Abends erlangt Anke Krabbe als Micaëla. Die kleine, aber edle Partie singt sie mit einer Sicherheit des Legatos und des Gefühls, das tatsächlich schon im Sandkasten (wo sie mit Don José spielte) entstanden sein muss; ihre Musikalität ist frappierend, ihr Kunstsinn nicht minder. Dagegen wirkt der Escamillo von Richard veda steif und hölzern; wir erleben allenfalls die Karikatur des dröhnenden Torero. Die weiteren Rollen sind angemessen besetzt. Der Chor der Rheinoper (Gerhard Michalski) singt schmeichelnd und mit Akkuratesse; dem Kinderchor sollte man noch ein paar Trainingsstündchen gönnen.

Quelle: RP
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