Bayreuth: "Verlogene Wagner-Familie"
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 24.07.2012 - 02:30Bayreuth "Meinem Fluch fliehest du nicht", singt Alberich in Wagners "Rheingold". Ja, es ist so eine Sache mit den Flüchen bei Wagner. Alle tragen irgendwie einen Fluch mit sich herum, auch der fliegende Holländer – und zwar den zur Ruhelosigkeit; immerzu muss er über die Weltmeere schippern und darf nur alle sieben Jahre an Land gehen. Er ist dem Typus des "Ewigen Juden" verwandt, dem Ahasver, der einst Jesus Christus am Kreuzweg verspottet und ihm Rast verweigert hat. Seitdem muss er, der "Ewige Jude", wandern, bis zum Jüngsten Tag. Der fliegende Holländer kann immerhin von einer liebenden Frau erlöst werden. Die aber muss er erst einmal finden. Senta, die Tadellose, wird es sein.
Der 38-jährige Russe Evgeni Nikitin hätte morgen in der Bayreuther Premiere die Partie des Holländer singen sollen. Weil auf seinem seit Jugendjahren tätowierten Oberkörper jedoch Nazi-Zeichen gesichtet wurden, nahm ihn die Festspielleitung in die Mangel. Nikitin bereute wie etwa die Kundry in "Parsifal", sagte sich los von allen Symbolen, die damals mit seiner Einwilligung, aber wohl ohne sein Verstehen auf ihn eingestochen wurden, wurde vom Fluch dieser Tattoos aber trotzdem nicht erlöst. Vielmehr legte man ihm die Demission nahe.
Seitdem herrscht unter Bayreuth-Fans eifriges Gezänk, ob es klug gewesen sei, auf Nikitin zu verzichten; erstens sei das eine Lappalie, und zweitens sei der Mann nun doch selbst verflucht, für alle Zeiten verbrannt. Nein, sagt Klaus Bachler. Der Intendant der Bayerischen Staatsoper hält am Engagement des Sängers fest, der im Herbst als Telramund im "Lohengrin" auftreten soll. Bachler: "Ich sehe in der Causa Nikitin mehr ein Problem Bayreuths und der Wagner-Familie als eines des Sängers. Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers ausgerechnet von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen."
Nikitin habe in seinen Aussagen den Vorfall nicht nur bedauert, sondern auch Reue gezeigt – "eine Reue, die ich von der Familie Wagner in den letzten 50 Jahren nie vernommen habe", so Bachler. Tatsächlich, so glauben Kritiker des Systems Bayreuth, herrsche dort das Grundrauschen der Unaufrichtigkeit. So sei bis heute nicht öffentlich aufgearbeitet worden, dass etwa der frühere Festspielchef Wieland Wagner, seit 1938 Mitglied der NSDAP, später in einer Außenstelle des KZ Flossenbürg gearbeitet habe. Nach dem Krieg habe er sich von allem losgesagt und problemlos Festspielleiter in Bayreuth werden können.
Andersherum wirkt in der Gestalt des honorigen Peter Emmerich heute ein Pressesprecher bei den Festspielen, der früher, in Dresden, als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi gearbeitet hat; das wurde vor einigen Jahren bekannt. Über ihn und seine Stasi-Zeit sagte Festspielleiterin Katharina Wagner damals: "Emmerich ist ein sehr guter Mitarbeiter von mir, und ich als Arbeitgeber habe ihm überhaupt nichts vorzuwerfen. Das ist Teil seiner Vergangenheit." Emmerich hatte zugegeben, dass er IM gewesen und darüber beschämt sei. Aber er hatte auch erklärt, dass diese Phase abgeschlossen sei. Bei Nikitin sind persönliche Erklärungen ähnlicher Art offenbar nicht zugelassen.
Fraglos ist es den Wagner-Schwestern Eva und Katharina sehr ernst mit der Nazi-Aufarbeitung am Grünen Hügel; so läuft dort seit gestern eine Ausstellung, welche auch die rassistische Besetzungspolitik thematisiert. Titel der Schau: "Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die ,Juden' 1876 bis 1945". Im Falle Nikitins hat die aktuelle Besetzungspolitik womöglich vorschnell und unsouverän gehandelt. Man hätte die Sache aufklärerisch thematisieren sollen, etwa in einer Pressekonferenz.
Besonders unglaubwürdig wirkt die Anti-Nikitin-Haltung aus dem Mund des Bayreuth-Dirigenten Christian Thielemann, der jetzt über den russischen Sänger sagte: "Ein Hakenkreuz geht nie, nicht nur in Bayreuth." Von Thielemann ist bekannt, dass er selbst anrüchigste Nazi-Kompositionen etwa von Richard Strauss dirigiert, ohne das zu kommentieren.
So ist die Medienintendantin Katharina Wagner also mit ihrem Experiment gescheitert, einen glänzenden, aber unbekannten Sänger über das Igitt-Tattoo-Image des "Bad boy" zu verkaufen. Was sie wirklich an Urvertrauen in den vermutlich sehr naiven, aber unverdächtigen Künstler besaß, zeigt sich jetzt, da sie ihn fallen ließ.
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