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Essen: "Bad boy" der Orgel

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 07.02.2012 - 02:30

Essen (RP). Der US-Amerikaner Cameron Carpenter ist seit seiner Grammy-Nominierung einer der Superstars der Organisten-Szene. Das gängige Repertoire füllt er mit hinreißenden Transkriptionen auf. Nun kommt der exzentrische Künstler für drei Konzerte nach NRW – nach Essen, Köln und Mönchengladbach.

Was diesem Mann an jungfräulicher Musik unter die Hände und Füße kommt, verwandelt sich – und manche sagen: nicht zum Guten. Die Werke werden sozusagen gestylt und lackiert, bekommen Rouge ins Gesicht und High Heels an die Füße, aber trotzdem klingen sie nie nach Bordstein. Cameron Carpenter ist eins der grellsten Phänomene der aktuellen Musikszene: Er ist Organist und unfassbar virtuos. Mit seinen Glitzerklamotten und den absurd femininen Organistenschühchen gebärdet er sich so exzentrisch, wie er als Musiker eben doch nicht ist: Als Künstler ist er seriös bis in die Spitzen seines gegelten Haars. Man will das nur nicht glauben, denn so einer – der muss ein "bad boy" sein.

Carpenter, 1981 in Pennsylvania geboren und nun auf einer kleinen NRW-Tournee nach Essen, Köln und Mönchengladbach, war schon als Kind ein flammender Exot. Mit vier Jahren saß er erstmals an einer Kirchenorgel; mit elf Jahren spielte er stolzen Hauptes das gesamte "Wohltemperierte Klavier" Bachs. Ein bisschen erinnert er mit seinem übergriffigen Talent an Glenn Gould – und tatsächlich hat er ein Porträt des kanadischen Wunderpianisten in seiner Bücherwand stehen. Anders als sein Vorbild, der manchmal lümmelig aufs Podium kam und ungesund lebte, ist Carpenter ein adretter Vitalprotz aus dem Gesundbrunnen. Yoga, Pilates, Kraftsport und vor jeder Probe Liegestütze für die Durchblutung des Oberkörpers – mit solchen Programmen hält sich Carpenter fit.

Das muss er auch, denn sein Repertoire ist nicht dasjenige konventioneller Organisten, die mit dem alten Bach beginnen und mit Max Reger aufhören. Carpenter ist diese Welt zu klein und wohl auch zu klerikal, für ihn ist die Orgel ein heidnisches Instrument, das in die Welt geschleppt wird, um seine Gelüste zu befriedigen. Carpenter lässt die Orgel Songs der Beatles oder von Kate Bush säuseln, die 5. Symphonie cis-moll von Gustav Mahler ächzen; Carpenter schleppt Chopins "Revolutionsetüde" an und ist mit seinen Beinen bei Bassläufen schneller unterwegs als viele Pianisten mit ihren linken Händen. Dazu braucht man natürlich Muskeln aus Stahl, sonst wird es nichts.

Als Sonderfall aus der "Body and mind"-Fraktion, der mit seiner Optik zwischen Freddie Mercury und David Bowie kokettiert, wird Carpenter für manche zum gefallenen Identifikations-Engel, welcher der Kirchenorgel die Sünde zurückzugeben sucht. Carpenter selbst denkt nicht in solchen Kategorien. Ihm sind die Orgeln großer Konzertsälen nicht sympathischer als die in Kathedralen. Meist gewähren sie allerdings eine bessere Sicht auf diesen Zehnkämpfer an Manualen, Pedalen und Registerknöpfen – und Gucken ist ganz wichtig hier!

Für seine CD mit dem Titel "Revolutionary" bekam Cameron Carpenter 2009 eine Ehrung, die Orgel-Solisten bislang verwehrt war: Er wurde für den Grammy nominiert. Auf dieser CD bemächtigt er sich auch der bekannten Toccata und Fuge d-moll von Bach, die nun allerdings klingt wie ein Satz aus der "Symphonie fantastique" von Hector Berlioz, irgendwo zwischen transsylvanischem Schloss und Edgar Wallace. Daneben stampft der "Mephisto-Walzer" von Liszt, prickelt eine "Carmen"-Paraphrase –und ein eigenes Opus hat Carpenter einem wirklich bösen Jungen der Kulturgeschichte gewidmet: dem Schauspieler Klaus Kinski.

Gelernt hat der Amerikaner sein Spiel – war es anders zu erwarten? – nicht in der Kirche. Als er Kind war, schenkten ihm seine Eltern eine Hammond-Orgel aus den 30er Jahren. Aufgestellt wurde sie im Laden des Vaters. Dort wurden Öfen hergestellt. Was das in ihm auslöste, hat Carpenter dem TV-Sender Arte erzählt: "Also habe ich Buxtehude geübt – zwischen den Männern, die das Metall bearbeitet haben. Irgendwie hab ich genau davon einen Sinn fürs Kreieren und Machen mitbekommen. Außerdem konnte ich da besser üben als in einer Kirche, wo kaum etwas passiert."

Gewiss kann so ein Terminator mit zierlichen Barock-Örgelchen nichts anfangen, er braucht das symphonisch Ausladende, mindestens drei Manuale und zahllose Pfeifen; für ihn ist der Ritt auf der Orgel eine Dressur, bei der er, das Muskeltier, Sieger bleibt. In der Realität bringt er natürlich keine Orgel zum Keuchen, solange der Wind elektrisch herbeigeblasen wird. Aber er spielt mit der Illusion der Vergewaltigung.

Gewiss sieht mancher Tugendwart in Carpenter eine Gefahr für Sitte und Anstand auf der Königin der Instrumente. Gemach, gemach: Der Mann will nur spielen.

Quelle: RP


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