Das digitale Auto
VON CHRISTOF KERKMANN UND PETER ZSCHUNKE - zuletzt aktualisiert: 14.01.2012 - 02:30Die Autobranche arbeitet schon lange daran, die Fahrzeuge intelligenter zu machen. Doch die Entwicklungszyklen der Hersteller sind lang. Deshalb nutzen die Experten zunehmend das Smartphone als eine Art ausgelagertes Gehirn, statt intelligente Technik direkt ins Cockpit einzubauen. Das liege ganz im Interesse der Kunden, sagt Ford-Sprecher Alan Hall. "Fast jeder hat ein Handy oder Smartphone, für das er schon zahlt. Der Kunde kann das Gerät einfach ins Auto mitnehmen, wo es dann nahtlos mit unserer Plattform kommuniziert."
Welche Möglichkeiten sich dadurch bieten, ist derzeit auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas zu sehen. Das digitale Auto ist in diesem Jahr dort Schwerpunkt. Punkten wollen die Autobauer vor allem mit der Sicherheit im Straßenverkehr. Ford zeigt eine Testversion seiner Smartphone-App "MyFord Mobile". Diese überwacht bei Elektroautos den Ladezustand und zeigt an, wo die nächste Strom-Tankstelle ist.
Die Taschencomputer bieten einige Vorteile: Man erhält Anwendungen aller Art – eben auch solche, die beim Autofahren nützlich sein können, zum Beispiel Karten oder Verkehrshinweise. Und dank Mobilfunkverbindung können sie jederzeit ihre Daten aus dem Internet laden. Ist das Smartphone über ein USB-Kabel oder drahtlos über Bluetooth mit dem Bordcomputer des Autos verbunden, werden die Ergebnisse auf einem Display oder über Lautsprecher ausgegeben. Schließlich soll der Fahrer bei seiner Kernaufgabe nicht abgelenkt werden.
Auch externe Entwickler sind am intelligenten Auto interessiert. Ford stellt ihnen die Schnittstelle zum eigenen System zur Verfügung. Das Startup Roximity aus Denver hat beispielsweise eine App für Schnäppchenjäger programmiert. "Die holt sich Angebote aus der Umgebung und liest sie vor", erklärt Roximity-Mitbegründer Daniel Newman. Dafür nutzt sie die Ortungsfunktionen des Smartphones. Bei Interesse lotst das Navigationssystem den Fahrer gleich zum Geschäft. 3000 Entwickler, so Ford, haben sich bereits um eine Kooperation mit dem Autoriesen beworben.
Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche will "die digitale und die automobile Welt zusammen führen." Der Manager, der einst selbst als "Dr. Z" in Werbespots auftauchte, stellt in Las Vegas eine neue Generation von Apps vor: Mbrace2 bietet Autofahrern eine Vielzahl von Internetdiensten. Dazu gehören neben der klassischen Navigation auch die Unterstützung von Sicherheit und Fahrzeugtechnik. Zetsche demonstriert in einem Trickfilm, wie ein Auto automatisch vor einem überfluteten Straßenabschnitt abgebremst wird. Informationen über solche Risiken auf der Straße werden von den Smartphones anderer Fahrer zu einem Server geschickt und von dort an die nachfolgenden Autos übermittelt. Diese Technik werde derzeit in einem Pilotprojekt in Deutschland getestet. "Wir arbeiten an einer neuen Generation von Fahrzeugen, die als digitale Begleiter dienen", erklärt Zetschke. So arbeiten die Stuttgarter derzeit an einem innovativen Cockpit, das ohne Berührung funktioniert. Die Windschutzscheibe wird zum vollflächigen Head-up-Display und das Armaturenbrett zum Monitor. Ein Wischen, ein Ziehen oder Drücken der Hände in der Luft lässt das Cockpit reagieren – willkommen im 21. Jahrhundert, in dem man bald durch Gestensteuerung ein Auto navigieren kann.
Der digitale Begleiter als Aufpasser – auch Ford hat ein derartiges Szenario entwickelt. Der US-Hersteller stellte den Prototypen einer Anwendung vor, die Diabetiker oder Asthmatiker daran erinnert, vor der Fahrt etwas zu essen oder Medikamente zu nehmen. Dafür greift das System auf Informationen von Anbietern wie WellDoc zu, bei denen Nutzer ihre Gesundheitsdaten sammeln können. Denkbar sei in Zukunft auch, Allergiker rund um Pollen belastete Gegenden zu navigieren, erklärte ein Mitarbeiter.
Auch der koreanische Hersteller Kia Motors will mit Hilfe der Smartphones für mehr Sicherheit sorgen. Bei einem Unfall wird automatisch ein Notruf abgesetzt. Wenn die Fahrzeugtechnik eine Reparatur signalisiert, kann der Fahrer gleich einen Termin in der Werkstatt ausmachen. Die "Kia E-Services" – zurzeit noch in der Testphase – helfen dem Fahrer auch bei einem ganz alltäglichen Problem: Weil das Smartphone die Steuerungszentrale aller Dienste ist, merkt es sich auch, wo das Auto geparkt wurde.
"Vernetztes Fahren wird immer wichtiger", sagt Christian Leberfinger von der Audi Tochter E-Solutions. Das Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern wurde 2009 gegründet, um schneller Ideen zu entwickeln und auch umzusetzen – und zwar für den gesamten VW-Konzern – von Skoda bis Bentley. "Um das hohe Tempo bei der Computer-Entwicklung mithalten zu können, müssen wir alle zwei Jahre ein neues System entwickeln und auch anbieten", sagt der Fachmann. Möglich wird das durch einen sogenannten modularen Infotainment-Baukasten, der sehr kompakt ist und selbst in den Kleinwagen A1 und VW Polo Platz finden wird.
Der im März vorgestellte neue Audi A3 wird demnächst optional mit einem schnellen Rechner ausgestattet sein, mit Dual Core 16 Gigabyte-Prozessor und einem Gigabyte Arbeitsspeicher. Zur Übertragung steht der UMTS-Standard zur Verfügung. dpa/sp-x
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