erstellt am: 24.03.2009
URL: http://nachrichten.rp-online.de/article/wissen/Wie-Kaese-billig-imitiert-wird/33987

Wie Käse billig imitiert wird

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 24.03.2009 - 02:30

Er sieht aus wie echt, schmeckt wie echt, ist aber nur ein Imitat aus Pflanzenfett: der Analog-Käse. Immer häufiger kommt er statt echter Milchprodukte zum Einsatz, etwa in Fertigpizza. Verbraucherschützer sind besorgt: Konsumenten würden in die Irre geführt.

Düsseldorf. Dampfend wirft der Käse auf der Tiefkühl-Pizza im Ofen erste Blasen und zerläuft über den Tomatenbelag. Das sieht gut aus, das riecht lecker, das weckt Appetit – und ist nicht mehr als eine Täuschung. Denn das, was da so sanft zerfließt, ähnelt zwar echtem Käse und schmeckt auch so. Aber es ist kein Käse. Vielmehr handelt es sich um ein Kunstprodukt aus der Lebensmittelindustrie. Ein im Prinzip simples Verfahren, das Anfang der 90er Jahre entwickelt wurde: Pflanzenfett wie Palmöl wird mit Wasser, Milch-Eiweiß, Stärke und Geschmacksverstärkern gemischt.

Dieser so genannte Analog-Käse wird vor allem in Fertiggerichten eingesetzt. Aus zwei Gründen: Zum einen ist er billiger als herkömmliche Milchprodukte, zum anderen lassen sich die Eigenschaften der Imitate besser kontrollieren als beim herkömmlichen Erzeugnis. So wird für Pizza ein Käse benötigt, der zerläuft. Für Grill-Gerichte dagegen soll er genau das nicht tun. Verschiedene Anforderungen, die sich beim Kunst-Produkt sehr genau einstellen lassen. Zudem soll der Analog-Käse weniger Cholesterin enthalten. Damit wäre er sogar etwas gesünder als das echte Milcherzeugnis.

Aber es handle sich eben nicht um echten Käse, läuft der Milchindustrie-Verband in Berlin bereits Sturm. Und "das Reinheitsgebot für Milch und Milcherzeugnisse darf nicht verwässert werden", sagt Michael Brandl vom Verband. Denn oft kommt es auch zum Mischeinsatz von Pseudo- und Real-Produkt. Denn den Namen "Käse" darf das Imitat selbst zwar nicht tragen. In der Mischung jedoch geht das sehr wohl. Und eine Kennzeichnungspflicht für den Ersatz besteht nicht. Statt eines hochwertigen Milchprodukts erhält der Konsument so nicht mehr als eine Pflanzenfett-Mixtur.

Genaue Zahlen, wie viele angebliche Käse-Produkte vor allem in Fertiggerichten nur aus dem Ersatz bestehen, gibt es für Deutschland nicht. Aber in den Niederlanden gehen Schätzungen von einem 25- bis 40-prozentigen Anteil aus. Nach einigen Testeinkäufen bestanden in niederländischen Supermärkten sogar mehr als 70 Prozent der Tiefkühlpizzen aus dem Imitat. Der Grund dafür seien vor allem der hohe Bedarf an Milch und der damit verbundene Preisanstieg.

"Der Konsument wird in die Irre geführt", sagt Marcel van Beusekom vom niederländischen Verbraucherschutzbund, der bereits im Sommer vergangenen Jahres auf den gestiegenen Einsatz der Imitate im "Käse-Land" hinwies. Der Analog-Käse sei zudem auf den Produktverpackungen als solcher nicht erkennbar. Und geschmacklich seien die Unterschiede nur marginal.

Der Milchindustrie-Verband rät darum dazu, dass "der Verbraucher genau auf die Zutatenliste schauen sollte". Taucht dort Palmöl oder ein anderes Pflanzenfett auf, könne man davon ausgehen, dass es sich um das Imitat handle. Dabei zieht sich der Ersatz-Stoff nicht nur durch die Fertiggerichte. Auch Speise-Eis werde oft mit Pflanzenfett hergestellt – und nicht aus Milch. Und selbst die kann mittlerweile aus Soja bestehen.

Für den Verbraucher bedeutet das auch, dass er Geld für Produkte ausgibt, die höchstens Milch-Eiweiße enthalten – oftmals zu einem Preis, der indes für echte Milchprodukte angebracht wäre. Der Verband befürchtet, dass als Folge Milchbauern und Molkereien aus dem Geschäft gedrängt werden. Bei der Agrarminister-Konferenz in dieser Woche möchte man darum noch einmal auf eine Kennzeichnungspflicht drängen.

Nach Angaben eines Herstellers der Analog-Produkte sei der größte Markt für den Pseudo-Käse indes Osteuropa und der Nahe Osten. Dort werde die seltene Rohmilch in Schulen angeboten. Für die Fertiggerichte muss da auf etwas anderes ausgewichen werden – eben Pseudo-Käse, der nun auf den westeuropäischen Markt drängt.

Quelle: Rheinische Post

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