Interview Axel Heitmann, der Vorstandschef von Lanxess, über das Sparprogramm bei der früheren Chemiesparte von Bayer, über die Weltkonjunktur und seine Hoffnungen auf die neuen Wachstumsstaaten.
Herr Heitmann, ist die Wirtschaftskrise nun endlich vorbei?
Axel Heitmann Die Zahlen zeigen, dass die Industrie-Produktion nicht mehr fällt. Um aus dem tiefen Tal herauszukommen, brauchen wir aber mehr als einen zarten Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von gerade einmal 0,3 Prozent. Wir erleben außerdem gerade eine beschleunigte Verschiebung zugunsten der BRIC-Länder (Anm.: Brasilien, Russland, Indien und China) und anderer Aufsteigerstaaten aus Asien. Diese Wachstumsregionen werden früher und schneller aus der Krise herauskommen und damit ihre Position im globalen Konzert festigen. Es bleibt abzuwarten, ob der Westen weiter zurückfällt.
Während die Nachfrage aus Asien wieder anzieht, sattelt Lanxess bei seinem Sparprogramm noch einmal 110 Millionen Euro drauf.
Heitmann Es gibt keine Alternative. Die Erholung in den Märkten vollzieht sich sehr langsam. Sie können das mit der Auflösung eines Verkehrsstaus vergleichen, der nur Schritt für Schritt vonstatten geht. Deshalb haben wir frühzeitig reagiert. Wir haben bei unseren Sparprogrammen "Challenge 09" und "Challenge 12" darum ein umfassendes Paket im Personalbereich geschnürt und gleichzeitig viel mit besserer Technik eingespart.
Sprich: Sie haben neben der Kurzarbeit auch die 35-Stunden-Woche mit den entsprechenden Lohnkürzungen bis 2012 durchgesetzt.
Heitmann Ja, denn nur so können wir möglichst viele unserer gut ausgebildeten, erfahrenen Mitarbeiter an Bord halten. Und die werden wir dringend benötigen, wenn die Produktion wieder anspringt.
Eine formelle Beschäftigungsgarantie haben sie nicht abgegeben.
Heitmann Ich gebe keine Versprechen, die ich nicht einlösen kann. Wie könnte ich versprechen, Arbeit zu haben, wenn ich nicht weiß, ob morgen ein Kunde tatsächlich bestellt? Lanxess wird sich also auch in Zukunft auf keine formelle Beschäftigungsgarantie einlassen.
Aus welchem Bereich erwartet Lanxess die viel versprechendsten Produktinnovationen?
Heitmann Ich denke, bei unseren Zulieferungen für die Autoindustrie kommen interessante Sachen. Wir helfen, Reifen zu entwickeln, die weniger Rollwiderstand haben und trotzdem sicher bremsen. Wir entwickeln Hochleistungskunststoffe, die das Gewicht von Autos reduzieren und so den Spritverbrauch senken. Und wir forschen im Bereich Wasseraufbereitung, damit auch die Menschen außerhalb der Industriestaaten mehr sauberes Trinkwasser bekommen.
Aber bei einem Ihrer Hauptprodukte – dem synthetischen Kautschuk – ist zumindest in Deutschland die Nachfrage rückläufig.
Heitmann Wir sehen da eine Verschiebung der Nachfrage von Europa in Richtung Russland und Asien sowie von Nord- in Richtung Südamerika. Das Kautschukgeschäft ist stark mit dem Autogeschäft verknüpft. Wachstum findet dort statt, wo die Mobilität überproportional steigt. Und das ist vor allem in den Regionen der Fall, in denen wir das größte Bevölkerungswachstum und den größten Nachholbedarf haben. Die Menschen in China sind doch zuerst vom Fahrrad aufs Moped und später aufs Auto umgestiegen. Bereits heute haben wir etwa 50 Prozent des Reifenmarktes in Asien. Nach diesen Trends richtet Lanxess seine weltweiten Produktionsstrukturen aus.
Drei Viertel des Lanxess-Verkaufs gehen ins Ausland, ein Viertel alleine in Wachstumsregionen. Ist der Export also die große Chance für Lanxess?
Heitmann Ja. Wir tragen mit dazu bei, dass Deutschland Exportweltmeister ist. Darum müssen wir daran arbeiten, dass unsere Verbundstandorte in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben. Je nach Produkt und Markt müssen wir aber auch direkt vor Ort – also nah an den Kunden – vertreten sein.
Hat sich Ihr größter Zukauf, Petroflex in Brasilien, gelohnt? Immerhin dauerten die Kaufverhandlunen drei Jahre, und nun gibt es Gerüchte, dass die Integration fünf Jahre dauert.
Heitmann Erstens: Der Kauf war richtig. Wir haben mit Augenmaß, Selbstbewusstsein und Gespür für den richtigen Zeitpunkt die Transaktion über die Bühne gebracht. Zweitens: Natürlich braucht die Integration von Petroflex nicht fünf Jahre. Wir sind bereit jetzt, nach 14 Monaten, enorm weit bei der Umsetzung unserer Maßnahmen.
Sie rechnen mit Synergieeffekten durch Petroflex in diesem Jahr in Höhe von 17 Millionen Euro, die Synergien bis 2011 sollen 63 Millionen ergebe. Sind die Zahlen realistisch?
Heitmann Ja, sie wurden erst kürzlich bei einer Analystenkonferenz vorgestellt und dort einhellig als ambitioniert begrüßt. Ich halte daran fest, dass wir diese Ziele erreichen.
Wann verlagert Lanxess seine Zentrale von Leverkusen nach Köln?
Heitmann Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die Krisenbewältigung. Das ist Priorität Nummer eins. Andere Projekte wie der Umzug nach Köln werden hinten angestellt.
Maximilian Plück führte das Gespräch.
Quelle: Rheinische Post