OECD-Chefökonom Klaus Schmidt-Hebbel
Berlin Die jüngsten Arbeitsmarktzahlen verheißen nichts Gutes. Die Organisation der Industrieländer (OECD) rechnet für 2009 mit einem durchschnittlichen Wirtschaftseinbruch von 4,3 Prozent in 30 führenden Industrieländern. Das wäre die tiefste gleichzeitig stattfindende Rezession seit mehr als 50 Jahren.
Wo steht Deutschland in der Krise?
Schmidt-Hebbel Das erste Quartal 2009 war noch einmal deutlich schlechter als das letzte Quartal 2008. Bis Ende 2009 erwarten wir, dass die Wirtschaft noch weiter schrumpft, aber nicht mehr so stark. 2010 erleben wir wahrscheinlich ein leichtes Wachstum, wir rechnen dann mit 0,2 Prozent.
Wie tief wird der Wirtschaftseinbruch in diesem Jahr?
Schmidt-Hebbel Deutschlands Wirtschaftsleistung wird dieses Jahr um real 5,3 Prozent zurückgehen.
Wie viele Arbeitslose erwarten Sie?
Schmidt-Hebbel Für dieses Jahr rechnen wir mit 3,9 Millionen Arbeitslosen. Im kommenden Jahr dürfte die Schwelle von fünf Millionen überschritten werden. Das entspricht einer nach internationalem Standard gemessenen Arbeitslosenquote von 11,6 Prozent 2010. Erst 2011 dürfte die Arbeitslosigkeit dann wieder sinken.
Muss die Bundesregierung in der Krisenbekämpfung noch mehr tun?
Schmidt-Hebbel Wir haben alle Konjunkturpakete und die Intensität des Wirtschaftseinbruchs in den 30 OECD-Mitgliedsländern untersucht, und wir empfehlen den Ländern, in denen es noch Spielraum gibt, über einen weiteren Impuls nachzudenken. Von den G-7-Ländern wären das Kanada und Deutschland.
Also ein drittes Konjunkturpaket?
Schmidt-Hebbel Wir empfehlen der Bundesregierung darüber nachzudenken, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Das muss nicht unbedingt ein neues Konjunkturpaket in großem Umfang sein, sondern Maßnahmen, die schnell wirken und zeitlich begrenzt sind.
Welche meinen Sie?
Schmidt-Hebbel Wir haben schon in einem früheren Bericht Maßnahmen identifiziert, die nicht nur für die Konjunktur, sondern auch für das langfristige Wachstum gut sind. Dazu gehören Investitionsprogramme und Steuersenkungen für Geringverdiener. Wenn nun die Arbeitslosigkeit stark ansteigt, sollte aktive Arbeitsmarktpolitik mit Qualifizierungsprogrammen und Hilfe zur Jobsuche ein Schwerpunkt sein. Wir müssen verhindern, dass sich die Arbeitslosigkeit festsetzt und in Langzeitarbeitslosigkeit übergeht.
Sehen Sie noch Spielräume für Steuersenkungen?
Schmidt-Hebbel Steuersenkungen sind differenziert zu sehen. Generell ist die Effektivität nicht sehr groß, wenn es um die Belebung der Konjunktur geht. Jeder Euro, der jetzt für Investitionen ausgegeben wird, erhöht die Wirtschaftsleistung um etwa den gleichen Betrag. Jeder Euro, mit dem Steuern gesenkt werden, erhöht das Bruttoinlandsprodukt dagegen nur um 20 bis 40 Cent. Was helfen kann, sind Steuersenkungen für Geringverdiener. Das ist effektiv.
Die USA pumpt massiv neues Geld in die Märkte. Erleben wir nach der Krise eine drastische Inflation?
Schmidt-Hebbel Die Inflationsgefahr wäre nur dann gegeben, wenn die Zentralbanken nicht rechtzeitig genug wieder Liquidität aus den Märkten ziehen würden.
Michael Bröcker führte das Gespräch.
Quelle: Rheinische Post