Die Diskussion um Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin offenbart vor allem, dass in der öffentlichen Debatte immer häufiger Minderheiten bestimmen, wie die Mehrheit über sie sprechen darf.
Berlin In den Reaktionen auf das immer noch heiß diskutierte Interview des früheren Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin (SPD) überwiegen zwei einfache Sätze: Der Mann hat ja Recht. Aber er hätte es so nicht sagen dürfen. Darin liegt eine stille Übereinkunft, die bedenklich stimmen muss: Redefreiheit soll hier an bestimmte Benimmregeln geknüpft werden, wie "man" in Deutschland über Minderheiten zu sprechen oder im Zweifelsfall zu schweigen hat.
Die Obszönität dieser Relativierungen der Redefreiheit liegt darin, dass Sarrazin überhaupt gar nicht gehört worden wäre, wenn er seine Äußerungen nicht in klarer, deutscher Prosa getan hätte. Insofern offenbart der Fall Sarrazin, dass es weite Teile der meinungsführenden deutschen Öffentlichkeit inzwischen offenbar als normal empfinden, sich von Minderheiten vorschreiben zu lassen, wie über jene Minderheiten gesprochen werden darf oder gefälligst zu schweigen ist.
Es vergeht kaum eine politische Äußerung über den Mangel an Integrationswillen und -fähigkeit weiter Teile der muslimischen Bevölkerung in Deutschland, auf die aus der angesprochenen Minderheit keine reflexartige Reaktion des Beleidigtseins erfolgt. Auf die folgt genau so reflexartig eine politische Entschuldigung der Machart, man habe das Thema vielleicht etwas unsensibel angesprochen und ganz gewiss niemanden beleidigen wollen – und zwar jeweils völlig unabhängig von der sachlichen Richtigkeit, für die es überhaupt keine Rolle spielt, ob sich jemand beleidigt fühlt.
Als in Deutschland die Debatte über gleichgeschlechtliche, eheähnliche Gemeinschaften tobte, kam es der Mehrheitsgesellschaft nicht einmal mehr in den Sinn, darüber zu diskutieren, ob in der Begünstigung Homosexueller vielleicht eine sexistische Benachteiligung all jener heterosexuellen Paare liege, denen in Deutschland (anders als in Frankreich) keine "Ehe light" zugestanden wird, weil sie eben nicht homosexuell sind. Eine Debatte, ob es sich bei den Sonderregeln für Schwule und Lesben vielleicht um Sexismus unter anderen Vorzeichen handeln könnte, hätte kein Politiker beruflich überlebt.
In der Sarrazin-Diskussion ist jetzt immerhin dem Philosophen Peter Sloterdijk mal der Kragen geplatzt. In der aktuellen Ausgabe des Politik-Magazins "Cicero" veröffentlichte er ein bürgerliches Manifest (siehe unten), das den Sarrazin-Kritikern Opportunismus vorwirft. Und zwar in würdiger Sarrazin-Sprache: "Wir haben uns – unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der unbehinderten Meinungsäußerung – in einem System der Unterwürfigkeit, besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert." Auf das Aussprechen der Wahrheit, so Sloterdijk, solle künftig die Höchststrafe stehen: Existenzvernichtung. Vom einen Ende zum anderen, sagt Sloterdijk, sei unsere Alltagskultur von den Figuren und Affekten der Mangelrhethorik geprägt. Verkürzt: Der deutschen Meinungs-Elite ist völlig abhanden gekommen, positiv darüber sprechen zu können, was in Deutschland normal und schön sein oder einen gar mit Stolz erfüllen könnte.
Wie zum Beleg dieser Verdruckstheit veranstaltete der WDR jüngst ein Symposium mit dem aufgeschreckten Titel "Plötzlich so viel Heimat", das der Frage der Auswirkungen von Migration und Globalisierung auf den Begriff der Heimat nachspüren sollte. Unter Federführung des WDR-eigenen Beauftragten für Integration und kulturelle Vielfalt postulierte der Pop-Professor Diedrich Diederichsen im Eröffnungsvortrag die Sichtweise, dass es sich bei diesem mächtigen und dubiosen Begriff wohl nur um ein Hilfsmittel zur Bewältigung von Fremdheitserfahrung handeln könne. Dass Heimat für die Mehrheit der Deutschen kein Ort zum Davonlaufen, sondern ihr Zuhause ist, welches sie ungern den von Sarrazin beschriebenen Problemen überlassen würde, scheint der Meinungs-Elite eine ferne Vorstellung zu sein.
Quelle: Rheinische Post