Drei Männer hatten das Mädchen vergewaltigt. Es wollte die Täter anzeigen, doch die islamistische Justiz in der Hafenstadt Kismayo sah den Fall anders und sprach die Todesstrafe aus. Bei der Hinrichtung brach ein Tumult aus.
Kismayo/Düsseldorf. Aisha Ibrahim Dhuhulow ist tot. Sie wurde 13 Jahre alt, sagt ihr Vater. Das Mädchen war nicht unheilbar krank. Es hatte auch keinen Unfall, der seinem Leben ein abruptes Ende setzte. Aisha wurde im Stadion der südsomalischen Hafenstadt Kismayo von Dutzenden Männern gesteinigt. Das drastische Urteil hatte eine islamistische Miliz gefällt. Das Mädchen hatte angegeben, von drei Männern vergewaltigt worden zu sein. Es wollte seine Peiniger anzeigen. Die Miliz sah das anders und wertete das Verhalten als Sex außerhalb der Ehe, worauf nach der Scharia der Tod stehen kann.
Die französische Agentur AFP berichtete, Radio- und Zeitungsjournalisten hätten die Steinigung verfolgen können. Der örtliche Islamistenführer Scheich Hayakallah habe vor der versammelten Menge behauptet, dass die Verurteilte das „Verbrechen“ zugegeben habe und selber nach dem Scharia-Recht bestraft werden wollte. Die Schwester der Getöteten bestreitet das und sagte, die Hinrichtung sei unreligiös und unlogisch. Nach islamischem Recht dürfe eine Ehebrecherin nur dann hingerichtet werden, wenn vier männliche Augenzeugen ihre Schuld bestätigen. Das sei aber nicht der Fall gewesen.
Die Steinigung sei am 27. Oktober vollstreckt worden, hieß es in Berichten. Rund 1000 Zuschauer sollen bei der Hinrichtung anwesend gewesen sein. Die Verurteilte sei 23 Jahre alt gewesen. Gegenüber der Menschenrechtsorganisation amnesty international sagte der Vater, seine Tochter sei aber 13 gewesen.
Augenzeugen berichteten später, die Verurteilte habe geschrieen, als sie an Armen und Beinen gefesselt und eingegraben worden sei. Ein Verwandter habe versucht, noch zu ihr zu gelangen. Daraufhin hätten Wachen um sich geschossen und dabei ein Kind getötet. Islamistische Milizführer hätten sich nach der Hinrichtung für die Tötung des erschossenen Kindes entschuldigt und versprochen, den dafür Verantwortlichen zu bestrafen.
Die öffentliche Steinigung war die erste seit zwei Jahren. Die Islamisten hatten 2006 über weite Teile Somalias die Herrschaft errungen und während dieser Zeit mehrfach Menschen unter Berufung auf die Scharia hingerichtet.
Das ostafrikanische Somalia befindet sich seit dem Sturz der diktatorischen Regierung unter Siad Barre 1991 praktisch im Bürgerkrieg. Im Jahr 2000 wurde zwar eine international anerkannte Übergangsregierung geschaffen, doch sie konnte ihre Autorität nie bis in alle Landesteile durchsetzen. Im Norden ist das Gebiet Somaliland praktisch seit 1991 unabhängig. In anderen Teilen – wie Puntland – herrschen Warlords und Clans, die auch für die zahlreichen Schiffskaperungen und das Erpressen von Lösegeld verantwortlich sind.
Die Union islamischer Gerichte (politische und militärische Dachorganisation der Gerichte) urteilt in ihrem Einflussgebiet nach der Scharia, wenngleich in unterschiedlich strenger Auslegung. Teile dieser Union werden verdächtigt, Verbindungen zum internationalen islamistischen Terrorismus und besonders zum Terrornetzwerk al Qaida zu pflegen. Sicherheitsexperten behaupten, dass al Qaida im weitgehend staatsfreien Raum in Somalia versucht, Fuß zu fassen und Ausbildungslager aufzubauen. Mitte 2006 hatte die Union islamischer Gerichte die Hauptstadt Mogadischu und große Teile Somalias von den bis dahin herrschenden Warlords erobert. Es wurde die Scharia eingeführt, die Kämpfe gegen die Übergangsregierung, die in Baidoa regierte, wurden fortgeführt.
Die Lage eskalierte, weil sich das benachbarte Äthiopien bedroht sah. Es fürchtete, seine eigene muslimische Bevölkerung könnte von der Union zum Dschihad gegen den zu Äthiopien gehörenden, aber mehrheitlich von Somalis bewohnten Ogaden aufrufen. Am 24. Dezember 2006 erklärte dann die Regierung Äthiopiens den Islamisten den Krieg. In wenigen Tagen waren sie von der Macht in Somalia weitgehend vertrieben. Die Milizen zogen sich zurück in Richtung Süden und bildeten Brückenköpfe, wie in der Hafenstadt Kismayo.
Die somalische Übergangsregierung versucht, ihre staatliche Autorität durchzusetzen. Immer wieder kommt es zu schweren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und islamistischen Milizen, die Hunderttausende in die Flucht trieben.
Quelle: Rheinische Post